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Die kognitive Mediationstheorie

Am Anfang war die Erkenntnis. Am Ende steht die Lösung. Dazwischen liegen Gedanken. Erkenntnisse machen den Gedankengang der Mediation möglich. Die Mediation ist ein Prozess, der nicht nur Erkenntnisse einfordert, sondern auch ermöglicht. Wie sonst soll es den Parteien, die sich ganz und gar nicht einig sind, gelingen, SELBST eine einvernehmliche Lösung zu finden? Die Antwort findet sich in der kognitiven Mediationstheorie.





Die kognitive Mediationstheorie
Kurz: Die Kognitionstheorie.
Über die Erkenntnisschritte im Kognitionsprozess der Mediation


Die kognitive Mediationstheorie1 wurde als eine Theorie zur Mediation bestätigt.2 Ob es sich um eine spezielle oder allgemeingültige Theorie zur Mediation handelt, bedarf noch eines wissenschaftlichen Diskurses.3 Die kognitive Mediationstheorie erklärt den Prozess der Mediation als Ganzes und die darin vorkommenden und aufeinander bezogenen, zielführenden Schritte. Es handelt sich um die erste und bisher wohl einzige Theorie zur Mediation weltweit.4 Sie grenzt sich von den Theoriefragmenten ab, die lediglich einzelne Aspekte der Mediation erklären, ohne ihre Zusammenhänge zu erläutern.5

Einführung

Die vielgestaltige Ausprägung der Mediation erlaubt nicht nur unterschiedliche Sichten auf die Mediation. Sie ermöglicht auch Überschneidungen mit anderen Verfahren und Vorgängen. Viele Unklarheiten resultieren aus einem inflationären Gebrauch des Begriffs Mediation. Einmal wird damit ein Verfahren, einmal eine Methode und manchmal auch nur eine zur Einigung führende Verhandlung angesprochen.6 Die Mediation wurde auch schon als die Lehre der vermittelnden Kommunikation7 oder einfach nur als facilitative Negotiation8 beschrieben. Es ist fraglich, ob diese Bezeichnungen die Kompetenz der Mediation korrekt widerspiegeln können. Wenn die Kommunikation in der Mediation und die durch sie möglichen Verhandlungen eine zu Erkenntnissen führende Ausprägung des Denkens und Wahrnehmens ist, wäre es zutreffender, wenn von der Lehre des nutzenorientierten Denkens gesprochen wird. Denn darum geht es letzten Endes.

Bereits die unterschiedlichen Zuschreibungen der Mediation9 belegen die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Herleitung. Sie trägt nicht nur dazu bei, die Mediation eindeutig zu identifizieren. Sie erlaubt auch eindeutige Abgrenzungen zu anderen Verfahren und eine präzise Qualitätsbestimmung.10 Eine wissenschaftlich fundierte Herleitung, die als eine Theorie zur Mediation11 bezeichnet werden kann, ist in der Lage, den Prozess, seine Bedeutung und die darin vorkommenden Elemente folgerichtig zu beschreiben und aufeinander zu beziehen, sodass die Funktionalität der Mediation aus sich selbst heraus erkennbar wird. Ihr Augenmerk wäre auf die Frage gerichtet, was wie dazu beiträgt, dass die Parteien trotz widriger Umstände und vor dem Hintergrund ihres Konfliktes in die Lage versetzt werden, selbst eine Lösung für ein scheinbar unlösbares Problem zu finden.

Es ist ein Phänomen der Mediation, dass die Parteien zu ihrem Beginn nicht in der Lage sind, selbst eine Lösung zu finden, wohl aber wenn sie endet. Also müssen die parteiseitig zu gewinnenden Erkenntnisse ein Schlüssel dafür sein, ob die Parteien dieses Ziel erreichen. Wer in der Mediation folgerichtig einen Erkenntnisprozess erkennt, wird schnell auf die Erkenntnistheorie stoßen. Diese Theorie, die auch Epistemologie oder Gnoseologie genannt wird, ist ein Hauptgebiet der Philosophie. Sie umfasst die Fragen nach den Voraussetzungen für Erkenntnis, dem Zustandekommen von Wissen und anderer Formen von Überzeugungen.12 Jenseits der Philosophie befassen sich auch die Psychologie und andere Disziplinen mit der Frage, wie Erkenntnisse zustandekommen und wie Entscheidungsprozesse ablaufen. Auf der Suche nach einer wissenschaftlichen Herleitung gerät unweigerlich die Kognitionstheorie in den Vordergrund. Sie erfasst die elementaren Modelle des Denkens, die aus der Psychologie, der Neurowissenschaft, der Informatik und der Linguistik stammen.13 Die Kognitionswissenschaft liefert die dazu erforderlichen Hintergründe.

Auch wenn sich die Mediation als ein auf Erkenntnisgewinnen beruhender Entscheidungsprozess beschreiben lässt, würde die Anwendung der Erkenntnis- oder der Kognitionstheorien die Besonderheiten dieses Prozesses nicht vollständig beschreiben können. Es bedarf einer Adaption, damit sich das Wissen über den kognitiv zu bewältigenden Prozess auf die spezifischen Anforderungen der Mediation einlassen kann. Um den Unterschied zu den bestehenden Theorien auszudrücken, lässt sich das auf die Mediation zu beziehende Derivat am besten mit einem eigenen Namen bezeichnen. In der Kurzform eignet sich die Bezeichnung Mediationstheorie. In der Langform bietet sich die Bezeichnung kognitive Mediationstheorie an. Das Adjektiv deutet darauf hin, dass es, je nach dem Mediationsverständnis durchaus auch eine darüber hinausgehende, allgemeine Theorie zur Mediation geben mag, falls die kognitive Mediationstheorie nicht bereits als eine solche anzusehen ist. Sie sind zu einem wissenschaftlichen Diskurs eingeladen, um dieser Frage auf den Grund zu gehen.14

Worum es genau geht, und wie sich der mediative Erkenntnisprozess aus den Theorien herleiten lässt, soll im Nachfolgenden im Wege der Deduktion herausgearbeitet werden. Bei der deduktiven Methode werden die vorzugebenden Prämissen mit den zwingenden Konsequenzen in einen logischen Zusammenhang gebracht. Der dadurch vorgegebene Blick vom Allgemeinen auf das Besondere führt zunächst in eine systemische Betrachtungsweise.

Systemik - Der innere Zusammenhalt

Um die Funktionalität der Mediation zu beschreiben, müssen zunächst ihre wesensbestimmenden Elemente identifiziert werden. Die viel erwähnten mediativen Techniken beispielsweise wären ein solches Element. Ihre mechanische Verwendung in einer Verhandlung genügt allerdings nicht, um eine Mediation zu verwirklichen. Es würde auch nicht genügen, die Techniken zusammen mit anderen mediativen Bausteinen selektiv und willkürlich einzusetzen. Die Werkzeuge entfalten ihre mediative Wirkung nur in ihrem vorgegebenen Zusammenspiel.
Puzzle Zusammen
Schon um die Bausteine zu identifizieren, muss der Mediator wissen, was wie zusammenpasst. Das folgende Beispiel mag diese Anforderung veranschaulichen:

Beispiel 11615 - Was hilft es, wenn man weiß, dass ein Gegenstand aus etwa 15 kg Kohle, 4 kg Stickstoff, 1 kg Kalk, 1/2 kg Phosphor und Schwefel, etwa 200 g Salz, 150 g Kali und Chlor und etwa 15 anderen Materialien sowie aus 4 – 5 Eimern Wasser besteht?


Die genannten Rohmaterialien sind die chemischen Bausteine eines Menschen. Je nach Zusammensetzung könnten die einzelnen Bausteine alles Mögliche ergeben. Ihre Benennung allein genügt nicht, um zu beschreiben, was den Menschen ausmacht. Erst ihre Zusammensetzung, das Zusammenspiel der Elemente und das sich daraus ergebende Potenzial ergeben den Mensch.

Die Auseinandersetzung mit dem Zusammenwirken der Elemente wurde erst mit dem Aufkommen der Kybernetik in der Wissenschaft untersucht. Die Kybernetik, die in der Sozialwissenschaft als Systemtheorie adaptiert wurde, setzt sich mit der Frage auseinander, wie das Zusammenwirken der Elemente erkannt und gesteuert werden kann. Die Untersuchung der Steuerungsmechanismen beachtet die Interaktionen zwischen der Umwelt, den Systemen und seinen Elementen. Sie geht weit über die Auflistung und Analyse der Bestandteile eines Systems hinaus und erfasst die gesamte Komplexität der möglichen Beeinflussungen.

Ähnlich sind die Anforderungen, wenn es darum geht, die Mediation in ihrer Funktionalität zu beschreiben. Was hilft es, wenn der Mediator weiß, dass es Techniken, Phasen, Rollen und Prinzipien gibt, solange er nicht weiß, wie das Eine das Andere beeinflusst? Goethe hatte das Bedürfnis nach grundlegenden Erkenntnissen durch Faust in einem Zitat zum Ausdruck gebracht. Faust wollte erkennen ....

Was die Welt im Innersten zusammenhält.


Analog dazu muss der Mediator wissen, was die Mediation im Innersten zusammenhält. Anders als Faust muss er sich aber nicht der Magie verschreiben, außer vielleicht der Magie der Mediation. Er muss jedoch die innere Logik15 begreifen, also das, was die Mediation im Innersten zusammenhält und wodurch die Mediation erst zu einer Mediation wird.

 Merke:
Leitsatz 4111 - Erst die Kenntnis über die Steuerung der Zusammenhänge und ihre Verwirklichung im konkreten Fall ergibt das, was eine Mediation ausmacht
Prämisse: Die Parteien finden SELBST die Lösung.
Konsequenz: DIE PARTEIEN müssen denken, um die Lösung zu finden. Mithin ist die Mediation ein komplexer Vorgang, der sich mit dem Denken der Parteien auseinandersetzt und es ihnen ermöglicht, die Lösung zu finden.


Die zur Herleitung der Mediation vorzugebende Prämisse ergibt sich aus der Notwendigkeit, dass die Parteien selbst die Lösung finden sollen. Das ist eine der wichtigsten Vorgaben, die den Prozess so einzigartig macht. Sie leitet sich aus dem Tatbestandsmerkmal der eigenverantwortlichen Konfliktbeilegung in §1 Mediationsgesetz her. Eine andere, wesensbestimmende Vorgabe ist das Finden einer Lösung. Die Betonung liegt auf dem Wort finden. Bitte beachten Sie, dass §1 Mediationsgesetz nur das Anstreben einer Lösung erwartet. In Verbindung mit dem Prinzip der Lösungsoffenheit wird allerdings deutlich, dass es sich um ein Suchen handeln muss. Die Suche ist eine logische Konsequenz der Vorgabe, dass es keine feststehende oder vorgegebene Lösung gibt. Wenn es um eine Suche geht, beschreibt die Mediation den Weg, wie die Suche abzuwickeln ist.

Prämisse: Es geht darum, eine Lösung zu FINDEN (Prinzip der Lösungsoffenheit)
Konsequenz: Die Mediation beschreibt den Weg, wie nach der Lösung zu SUCHEN ist. Stragegisch betrachtet ist sie ein Suchspiel.


Die Suche wird erschwert, weil sie auf wiederstreitende Realitätskonstrukte aufsetzt. Mit dieser Ausgangslage kommt der Konflikt ins Spiel. Die Parteien nehmen die Realitätskonstrukte als ihre Erkenntnisgrundlage wahr. Die auf dieser widersprüchlichen Wahrnehmung beruhenden Überlegungen genügen den Parteien in der Ausgangssituation offensichtlich noch nicht, um selbst eine Lösung zu finden. Die Mediation ist deshalb notwendigerweise darauf angelegt, die Erkenntnisse und Sichtweisen so zu verändern, dass die hinzugewonnenen Informationen den Parteien die erforderlichen Einsichten für eine nützliche, zu einem Einvernehmen führende, Lösung vermitteln. Die dafür erforderlichen Vorgänge werden am besten sichtbar, wenn die Mediation als ein kognitives Verfahren verstanden wird, das die zur Erkenntnisgewinnung erforderlichen Gedanken nach einem vorgegebenen Plan zusammenfügt.

Prämisse: Die Parteien sind darauf angewiesen, Erkenntnisse zu gewinnen, um die Lösung zu finden.
Konsequenz: Das umfassende VERSTEHEN ist die Grundlage der Erkenntnis. Die Mediation ist deshalb eine Verstehensvermittlung.


Jede Auseinandersetzung mit den Gedanken der Parteien und dem Konflikt erfordert eine Metaebene. Nur auf dieser Ebene lassen sich Gedanken reflektieren, korrigieren und zusammenführen. Der Mediator fungiert dabei ähnlich wie ein Architekt. Er kennt den Plan, aber überlässt die Ausführung den Bauunternehmern. Er überwacht lediglich, dass alle Baumaterialien korrekt am dafür vorgesehenen Platz verbaut werden, sodass sich der Plan verwirklicht. Auf die Mediation bezogen bedeutet das: der Mediator kennt den Weg und er weiß was die Parteien verstehen müssen, um selbst eine Lösung zu finden. Er hilft den Parteien diesen Weg zu gehen. Er weiß aber auch, dass die Parteien den Weg selber gehen müssen.

Prämisse: Verstehen erfordert eine REFLEXION.
Konsequenz: Die Mediation stellt eine Metaebene her, die den Parteien eine neutrale, wertfreie und umfassende Perspektive zur Verfügung stellt.


Die Metaebene erlaubt die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Sichten und dem Verhalten im Streit. Sie ermöglicht es, den Streit zu verstehen, zu überwachen und zu kontrollieren. Die Metaebene wird in der Mediation permanent zur Verfügung gestellt. Sie wird systemisch von der operativen Streitebene getrennt. Die Trennung der Ebenen wird durch die Rolle des Mediators unterstrichen, indem er weder Entscheidungen trifft noch Lösungsvorschläge unterbreitet. Die Trennung des Mediators von der operativen Ebene wird durch den Grundsatz der Indetermination verstärkt. Das sich daraus ergebende Kommunikationsmodell bewirkt, dass es für die Parteien keine Gelegenheit gibt, die Lösungssuche zu delegieren oder den Mediator zu beeinflussen, um die eine oder andere Lösung herbeizuführen. Die Parteien haben keine andere Wahl, als die Lösung selbst zu erarbeiten.

Das Kommunikationsmodell der Mediation

Die Mediation führt also nicht nur in ein eigenwilliges Kommunikationsmodell. Sie verläuft auch auf zwei Ebenen. Sie trennt die Reflexionsebene systemisch von dem operativen Streit, woraus sich eine Verfahrensebene und eine Streitebene ergibt.


Der Mediator bewegt sich ausschließlich auf der Metaebene. Er ist, anders als der Richter oder der Schlichter, auf den Fall bezogen also nicht operativ tätig. Er überwacht den Prozess und den damit verbundenen Informationsfluss.16 Er achtet darauf, dass die Gedanken an der im Plan vorgegebenen Stelle und in der vorgesehenen Weise eingebracht werden. Der Mediator ist, wenn man so will, die personifizierte Metaebene, über die der gedankliche Prozess gesteuert wird.

Die Systemik der Mediation

Der Kognitionsprozess

Die zur lösungsführenden Gedanken lassen sich nicht einfach zurufen. Wo das möglich ist, genügt eine Verhandlung oder eine Schlichtung. Die Gedanken müssen sich in den Köpfen der Parteien erst entwickeln. Es handelt sich um einen Vorgang, der im Mediationsgesetz als Verfahren bezeichnet wird. Es handelt sich um einen reflektiven Prozess, der den zur Lösung führenden Gedankengang beschreibt. Er umfasst die Aufnahme, Verarbeitung und Weitergabe von Informationen. Vor diesem Hintergrund ist die Mediation ein kognitives Verfahren zu beschreiben. Die Bezeichnung kognitive Mediationstheorie deckt diesen Schwerpunkt auf.

Wer danach sucht, wie der Gedankengang zu gestalten ist und welche Zusammenhänge der Mediation das dazu erforderliche Zusammenspiel ihrer Elemente beschreibt, muss sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sich die Erkenntnisgewinnung in den Köpfen der Parteien herstellen lässt, ohne dass ihnen die zur Lösung führenden Gedanken vorgegeben werden. Der Bauplan für den gedanklichen Prozess findet sich in der Mediation. Die Gedanken sind das Baumaterial.

 Merke:
Leitsatz 4112 - Die Mediation ist ein verstehensbasiertes Verfahren. Sie kann als ein gedanklicher Prozess verstanden werden, der mittels der Reflexion Erkenntnisse aufgreift, generiert und zusammenführt, sodass die Parteien einen Erkenntnisgewinn erzielen, der es ihnen erlaubt, die Lösung zu finden
Prämisse: Die Parteien müssen BEFÄHIGT werden, SELBST die Lösung zu finden.
Konsequenz: Die Mediation gestaltet den Gedankengang zur Lösung, indem sie Hindernisse aus dem Weg räumt, die dem Denken im Wege stehen.


Der Ausgangspunkt des Prozesses findet sich in einem Menschenbild wieder, das uns Menschen grundsätzlich für fähig hält, unsere Probleme selbst zu lösen. Er berücksichtigt, dass die Parteien zu Beginn der Mediation dazu allerdings nicht in der Lage sind und findet die als Lösungshindernisse bezeichneten Hürden heraus. Der gedankliche Prozess der Mediation muss also so angelegt sein, dass alle Denkhindernisse vermieden oder überwunden werden, sodass die Parteien ihre Fähigkeit zur Problemlösung wieder selbst nutzen können. Die Hindernisse beschränken sich nicht auf die psychologische Lage der Parteien. Der mit der Mediation abgebildete Gedankengang muss viele Einflüsse berücksichtigen, die das Denken ablenken. Da spielen strategische Überlegungen eine Rolle, die generelle Denk- und Herangehensweise an die Problemlösung, der Umgang mit Dissonanzen, der Fokus, die Emotionen, Einwirkungen von außen und vieles mehr, das die Mediation im Blick haben muss, wenn sie die Hindernisse aus dem Weg räumen will. Die Anforderung wirkt sich auf die konzeptuelle Gestaltung der Mediation aus.

Die Überwindung von Lösungshindernissen

Die Mediation ist anders. Ihre Andersartigkeit findet sich in dem zugrunde liegenden, gedanklichen Prozess wieder. Schon Einstein sagte:

Das Denken, das in ein Problem hineinführt, kann nicht aus dem Problem herausführen.


Die Mediation berücksichtigt diese Erkenntnis in vielfacher Weise. Sie bietet einen Gedankengang an, der sich nicht nur mit der Komplexität der Menschen und Geschehnisse auseinandersetzt, sondern auch eine Logik vorhält, mit denen die Gedanken aus dem Problem herausgeführt werden.

Prämisse: Die Mediation beschreibt den zur Lösung führenden GEDANKENGANG.
Konsequenz: Wenn der Konflikt zu lösen ist, muss die Mediation ein Denken ermöglichen, das die Gedanken aus dem Problem heraus führt.


Es klingt paradox, wenn die Gedanken in eine Lösung geführt werden sollen, ohne die Lösung vorzugeben. Gleichzeitig sollen die Gedanken nicht in das Problem führen, das die Lösung erfordert, sondern aus dem Problem heraus. Diese Verdrehung gelingt der Mediation, indem sie den gedanklichen Fokus verschiebt. Der Fokus wird nicht in das Problem, also die Lösung gelenkt, sondern in den dahinter liegenden, zu erwartenden Nutzen. Die Mediation ist deshalb nicht lösungs-, sondern nutzenorientiert. Die Fokusverschiebung bewirkt, dass der durch die Mediation gekennzeichnete Entscheidungsprozess rückwärts abgewickelt wird.

rückwärts


Der auf den Nutzen ausgerichtete Fokus erlaubt es den Parteien, eine Lösung zu finden, mit der alle zufrieden sind. Der mediative Entscheidungsprozess beschreibt präzise, welche Gedanken dazu erforderlich und wie sie auszurichten sind, damit sich die Parteien darauf einlassen können.

Der mediative Entscheidungsprozess

Prämisse: Die Parteien sollen den Weg GEMEINSAM gehen.
Konsequenz: Das Denken muss so ausgerichtet werden, dass der Gedankengang gemeinsam zurückzulegen ist.


Wenn sich die Gedanken nicht im Streit verlieren sollen, müssen sie aus der Konfrontation herausgeführt werden. Damit eine Kooperation innerhalb einer Konfrontation überhaupt möglich ist, wird die Mediation als ein eigenständiges Verfahren angelegt. Abhängig davon, wie stark die Konfrontation ausgeprägt ist, bedarf es einer formalstrategischen Ausgrenzung dieses Verfahrens. Das Ziel wird hinter das Problem gelegt. Es besteht darin, eine Lösung zu finden, die für alle nützlich ist. Mit dieser Zielsetzung wird die Mediation zu einem Suchspiel ausgeprägt, das die Kooperation automatisch nahelegt. .

box

Solange die Parteien auf ihre Positionen fokussiert sind, wird es ihnen nicht gelingen, den von der Mediation beschriebenen Gedankengang gemeinsam zurückzulegen. Ihre Gedanken sind noch immer konträr ausgerichtet. Sie folgen der Widerspüchlichkeit ihrer Positionen. Sie müssen deshalb im Verlauf des Verfahrens in ein paralleles Denken überführt werden. Aus diesem Grund werden die Positionen in einem Thema aufgelöst, das die gemeinsam zu klärende Frage offenbart. Der Fokus wird auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet, das in ein paralleles Denken hineinführt.

Zielsetzung Strategie

Erkenntnislogik

Es bedarf einiger Schritte, um das Denken der Parteien in die parallele Richtung zu lenken. Wenn die Mediation diesen gedanklichen Prozess ermöglichen soll, ist sie alles andere als willkürlich. Nur indem sie einer internen Logik folgt, kann sie ihren Zweck verwirklichen. Die Logik des Prozesses muss die zu gewinnenden Erkenntnisse identifizieren und in einer aufeinander aufbauenden Abfolge beschreiben können. Die zugrunde liegende Logik wird als Logik der Mediation beschrieben. Sie wird durch die Koordination der Prozesslogik, der Themenlogik, der Phasenlogik, der Konfliktdynamik und der Suchlogik verwirklicht. Die Mediationslogik führt die unterschiedlichen Ansätze in einer noch näher zu beschreibenden Art und Weise zusammen. Sie steuert die Interaktionen (Wechselwirkung) und stimmt sie aufeinander ab.

Mediationslogik

Die vorgegebene Prämisse, dass die Lösung aus Erkenntnisgewinnen zu generieren ist, führt zu der Konsequenz, dass es einer, an einem Plan zu orientierenden Logik bedarf, die es erlaubt, die Gedanken in die von der Zielvorgabe der Lösungsfindung vorgegebene Richtung zu lenken. Aus dieser logischen Konsequenz ergeben sich weitere Prämissen, die sich mit der Frage auseinandersetzen, welche Erkenntnisse wie zu gewinnen sind, damit sich der Plan verwirklichen kann.

 Merke:
Leitsatz 14213 - Die Mediation beschreibt einen in Etappen unterteilten Gedankengang, über den das Denken der Parteien in eine das Problem überwindende konstruktive Lösung führt.
Prämisse: Der gedankliche Weg setzt sich aus mehreren ETAPPEN zusammen.
Konsequenz: Die Mediation setzt sich aus verschiedenen gedanklichen Prozessen zusammen, die in den Phasen abgebildet werden.


Die Mediation ist in der Lage, ganz unterschiedliche Denkweisen miteinander zu kombinieren. Sie kann selbst unkompatible Denkweisen, wie das psychologische und das juristische Denken, das logische und das dialektische Denken, das lineare und das assoziative Denken usw. in sich aufnehmen. Die Zusammenführung der unterschiedlichen Denkweisen erlaubt die Bewältigung der Komplexität in einer Weise, die alle Dimensionen des Streitkontinuums erfasst.

Die Dimensionen des Streitkontinuums Die Denkweisen der Mediation

Die Zusammenführung der an und für sich nicht kompatiblen Denkweisen wird möglich, indem das Denken in Sequenzen eingeteitl wird. Die Einteilung wirkt sich auf den Gedankengang dadurch aus, dass der gedankliche Weg in Etappen eingeteilt wird. Die Etappen werden als Phasen der Mediation beschrieben. Sie unterscheiden sich dadurch, dass jede Etappe einen logisch funktionalen Auftrag erfüllt, der der über verschiedene gedankliche Ebenen geführt wird. Die Etappen erlauben es der Mediation, die Gedanken in unterschiedliche Gedankenwelten zu führen, aus denen sich ein in sich geschlossener Gedankenkreis ergibt. Eine entscheidende Rolle kommt der 2., 3. und 4. Phase zu. Die Gedanken werden zunächst in das Problem gelenkt, das die kaputte Welt beschreibt. In der 3. Phase werden die Gedanken in eine heile Welt geführt, also in eine Welt, die das Problem überwunden hat. Sie arbeitet die Nutzenkriterien heraus. Wenn der zu erwartende Nutzen geklärt ist, werden die Gedanken in die reale Welt zurückgeführt, wo die Parteien Lösungen entwickeln sollen, die den zuvor erarbeiteten Nutzenkriterien entsprechen.

Phasen


Die Phasen der Mediation im Einzelnen

Erkenntnisbedarf

Erkenntnisse kommen nicht von ungefähr. Jede Erkenntnisgewinnung setzt einen Erkenntnisbedarf voraus. Wer glaubt, alles zu wissen, wird nicht nach der Weisheit suchen. Wer die Lösung kennt, wird nicht nach einer Lösung suchen. Wer nicht bereit ist, nach einer Lösung zu suchen, wird sich nicht auf den Weg der Suche begeben. Er wird sich der Mediation mental nicht öffnen können.

Die Möglichkeit, Erkenntnisse zu gewinnen, setzt ein Nachdenken voraus. Das Nachdenken wiederum wird duch Zweifel angeregt. Wer schon alles weiß, denkt nicht darüber nach. Wer sein Wissen in Frage stellt, denkt nach. Wenn die Mediation eine erkenntnisbasierte Suche nach der besten Lösung ist, muss sie die Parteien ans Nachdenken bringen. Sie muss den Erkenntnisbedarf aufdecken und die zu klärenden Fragen aufwerfen.

 Merke:
Leitsatz 4113 - Wenn die Parteien die Lösung finden sollen, brauchen SIE (also die Parteien) neue Erkenntnisse, die ihnen dazu verhelfen
Prämisse: Die Parteien müssen ERKENNEN, dass und welche Fragen wie zu klären sind.
Konsequenz: Die Mediation muss sich auf den ERKENNTNISBEDARF einlassen, indem alle zu klärenden Fragen aufgedeckt werden.


Oft ist der Erkenntnisbedarf den Parteien gar nicht bewusst. Es ist deshalb die Aufgabe der Mediation, Zweifel zu wecken, die ein Nachdenken nahelegen und die Verstehenslücken aufdecken. Der Erkenntnisbedarf erstreckt sich auf alle Ebenen der Mediation, also die Verfahrensebene und die Streitebene.

Auf der Verfahrensebene bedarf es der zur Suchbereitschaft führenden Erkenntnis, dass es keine oder keine gute Lösung gibt. Diese Erkenntnis ergibt das Motiv für die Duchführung der Mediation. Das Motiv zur Suche nach einer Lösung genügt allein noch nicht, um auch tatsächlich eine Lösung zu finden. Sie ist lediglich eine Erkenntnis, die den Weg in andere Erkenntnisse eröffnet. Die Parteien müssen auch erkennen, wie der Weg in die Lösung möglich ist, welche Fragen dafür zu klären sind, welchen Nutzen sie erwarten und wie die Nutzenerwartung in eine Lösung zu überführen ist. Erst die Summe der Erkenntnisgewinne erlaubt das gedankliche Konstrukt einer Mediation. Die Zusammenführung der Erkenntnisse findet sich in einem komplexen Verstehensprozess wieder, der sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzt.

Erkenntnisbausteine

Der Mediator muss wissen, welche Erkenntnisse benötigt werden, ohne dass er die zur Lösung führenden Einsichten vorgibt. Die Mediation zeigt zwar, welche Erkenntnisgewinne dazu erforderlich sind. Sie liefert aber nicht die dazu erforderlichen Bausteine. Das sind die informationen. Ihre Qualifikation und die daraus folgende, korrekte Zuordnung der zu verarbeitenden Information liefert den Schlüssel zur Erkenntnis. Mithin entscheidet die in der Qualifikation verborgene Metainformation darüber, ob die Information zur Mediation gehört und wie sie in den Prozess einzubeziehen ist. Um den Schlüssel korrekt einzusetzen, sind die Informationen nach ihrem Gehalt und ihrer Zugehörigkeit zu gewichten. Eine Kategorisierung der Erkenntnisse hilft, die Informationen in der Erkenntnisstruktur anzuordnen.

 Merke:
Leitsatz 14214 - Der Gedankengang der Mediation ist darauf ausgerichtet, dass die Parteien das zur Lösung führende Verstehen und die sich daraus ergebenden Erkenntnisse gewinnen können.
Prämisse: Die Erkenntnisgewinne müssen zielführend sein.
Konsequenz: Grundlage der Mediatioin ist ein komplexer Verstehensprozess, aus dem heraus sich die am Nutzen orientierten Lösungen entwickeln.

Erkenntniskategorien

Die in der Mediation zu gewinnenden Erkenntnisse und die dafür zu erfassenden, verwertbaren Infromationen unterliegen keinem Zufallsprinzip. Um die Informationen in die Logik der Mediation einbeziehen zu können, bedarf es einer Zuordnung. Die Zuordnung entscheidet über den Rang und die Qualität der Information und stellt eine Beziehung zu dem jeweils zu erzielenden Erkenntnisgewinn her. Das zur Komplexität der Mediation passende Ordnungsprinzip wird erkennbar, wenn die Informationen kategorisiert werden.

Sowohl die methodische Herangehensweise, wie die sich aus der Kategorisierung ergebende Struktur, lassen sich am Besten aus der Metapher eines Puzzlespiels ableiten. Bei einem Puzzle geht es darum, Puzzlesteine so aneinanderzufügen, dass sich daraus ein Bild ergibt. Auch bei der Mediation werden Informationen aneinandergefügt, sodass sich daraus ein Bild, nämlich die Lösung ergibt. Es liegt also nahe, die Puzzlesteine als Synonym für die in der Mediation zu verwertenden Informationen anzusehen.

Anders als bei einem Puzzlespiel, sind die Informationen in der Mediation dem Puzzle noch gar nicht zugeordnet. Der Mediator erhält viele Informationen, wobei unterlassene Informationen auch einen Informationsgehalt haben. Die Metapher kommt der Mediation also am nächsten, wenn man sich einen Haufen ungeordneter Puzzlesteine vorstellt, die dem zu legenden Puzzle zunächst zuzuzordnen sind.

Der Vergleich mit einem Puzzlespiel lässt sich nur dann auf die Mediation beziehen, wenn man sich vorstellt, dass nicht nur ein, sondern zwei oder gar drei Puzzle zu legen sind. Das eine Puzzle betrifft das Verfahren. Das andere den Fall und das dritte die Rechtsanwendung. Jedes Puzzle hat unterschiedliche Steine (Informationen), die nur in das eine oder andere Puzzle passen.

Innerhalb des jeweiligen Puzzles können die Steine auch nicht beliebig aneinandergereiht werden. Sie haben unterschiedliche Bilder und unterschiedlich geformte Ränder, sodass nur bestimmte Puzzlesteine zueinander passen. Wenn die Steine korrekt zusammengelegt wurden ergibt sich das fertige Bild.

Die Metapher des Puzzlespiels 

Erkenntnislandkarte

Erkenntnislandkarte
Erkenntnislandkarte
Die Zuordnung der Steine zu einem Puzzle und ihre Positionierung innerhalb des jeweiligen Puzzles, knüpft auch insofern an die Puzzlemetapher an, als das mit den Puzzlesteinen zu legende Bild eine Vorlage besitzt. Anders als bei einem Puzzle kann die Vorlage der Mediation nicht vollständig sein. Denn im Gegensatz zu einem Puzzle ist das fertige Bild (also die zu zeichnende Lösung) nicht vorgegeben. Vorgegeben wird allerdings ein Plan, der die Erkenntniskategorien wie in einer Lankarte ausweist. Er gibt die Anordnung vor und zeigt, wo die Steine (also die Informationen) zu platzieren sind. Wenn das Ablegen der Informationen wie bei den Puzzlesetinen an der richtigen Stelle erfolgt, fügen sich Stein zu Stein zusammen, bis das fertige Bild erkennbar wird.


Die Erkenntnislandkarte ergibt die Positionen, an denen die Informationen jeweils abzulegen sind. Wie in einem Organigramm werden Strukturen, Hierarchien und Funktionen der zu erfassenden Informationen aufgedeckt:

Erkenntniskategorien der 1. Ordnung
Die Erkenntnisse der 1. Ordnung betreffen die grundlegende Frage, ob die Information eine Relavanz für die Mediation hat. Wenn die Information als zur Mediation gehörig eingestuft wird, erfolgt eine Zuordnung zu einer der Erkenntniskategorien der 2. Ordnung.
Erkenntniskategorien der 2. Ordnung
Auf dieser Ebene werden die Bearbeitungsebenen festgelegt. Die Informationen werden entweder dem Verfahren oder dem Fall zugeordnet. Fallbezogene Informationen führen in die Bearbeitung auf der Fallebene, verfahrensbezogene Informationen führen auf die Verfahrensebene. Die Unterscheidung fügt sich in die Systemik der Mediation ein, indem sie die Differenzierung zwischen dem Streitsystem und dem Mediationssystem aufgreift. Je nach Notwendigkeit erfolgt eine weitere Zuordnung zur Ebene der Rechtsanwendung. Es ist wichtig, die Ebenen stets auseinanderzuhalten. Denn jede Bearbeitungsebene hat ihre eigene Herangehensweise.
Erkenntniskategorien der 3. Ordnung
Auf dieser Ebene werden die Informationen Kategorien zugeordnet, die sich jeweils unterhalb einer Kategorie der 2. Ordnung befinden. Hier finden Sie die Kategorien, über die die Informationen verortet werden. Kategorien der 3. Ordnung sind:

Verfahrensebene

Die Erkenntniskategorien der Verfahrensebene erfassen alle Informationen, die das Verfahren selbst betreffen. Sie werden nach den Kategorien Rahmen, Argumente, Positionen, Themen, Motive und Lösungen unterschieden.

Fallebene

Die Erkenntniskategorien der Fallebene erfassen alle Informationen über den Fall, also das zu lösende Problem oder den zu lösenden Konflikt. Standardmäßig sind damit die Kategorie der Fakten, Meinungen und Emotionen angesprochen. Die Fallbezogenheit erlaubt und erwartet gegebenenfalls, weitere Kategorien zu bilden. Bei einem Beziehungskonflikt wäre die Beziehungsebene eine mögliche Kategorie, bei einem Wertekonflikt ist eine die Wertigkeit betreffende Kategorie zu bilden.

Rechtsebene

Auf der Ebene der fallbezogenen Rechtsanwendung werden alle Informationen erfasst, die den Kategorien Sachverhalt und Rechtsfolgen zuzuordnen sind.

Erkenntnisweg

Dimensionen
Molekulare Verbindungen
Die Erkenntnislandkarte weist nicht nur die in eine Struktur eingebundene Position der dort abzulegenden Information aus. Aus ihr lassen sich auch Beziehungen und Verbindungen herleiten, die die Informationen wie Atome zu einem Molekül zusammenführen und die Moleküle miteinander vernetzen. In einer Detailansicht wird deutlich, dass jede Erkenntniskategorie wiederum Elemente besitzt, die innerhalb einer Kategorie logisch zu verknüpfen sind. Die Elemente lassen sich als Ausgangserkenntnis, Erkenntnisbedarf und Erkenntnisgewinn beschreiben.

Beispiel 11616 - Die Kategorie Rahmen der dritten Ordnung unter der Verfahrensebene erwartet eine Zielvereinbarung. Die Zielvereinbarung muss lauten, eine Lösung suchen zu wollen. Die Notwendigkeit zur Lösungssuche ist somit ein Erkenntnisgewinn. Die Voraussetzung für den Erkenntnisgewinn ist die Ausgangserkenntnis, dass es keine oder zumindest keine gute Lösung gibt, sodass nach einer Lösung zu suchen ist. Der Erkenntnisbedarf beschreibt, was die Partei verstehen muss, um den Erkenntnisgewinn zu erlangen.


Ähnlich dem vorgenannten Beispiel lässt sich für fast jede der in der Erkenntnislandschaft aufgezeichneten Erkenntniskategorien eine Erkenntnisrelation erstellen. Die Erkenntniskategorie Themen beispielsweise beschreibt die Relation zwischen Sachverhalt und der Benennung des zu lösenden Problems als Erkenntnisgewinn. Die Erkenntniskategorie Dimensionen beschreibt die Relation zwischen der zu bewältigenden Komplexität und der daraus abzuleitenden Alt-Bearbeitungstiefe als Erkenntnisgewinn. Die Erkenntniskategorie Interessen beschreibt die Relation zwischen Motiven und Lösungskriterien als Erkenntnisgewinn.

Wenn die Partei dem Gegner ein Angebot für eine einvernehmliche Lösung unterbreiten soll17 , müssen die Erkenntnisse in eine logische Folge gebracht werden, die dieser Aufgabenstellung gerecht wird. Deshalb stehen die Informationen nicht nur innerhalb der Erkenntniskategorien in der logischen Verknüpfung von Ausgansgerkenntnis, Erkenntnisbedarf und Erkenntnisgewinn. Die
Erkenntniskategorien bilden selbst Informationseinheiten, die in einem logischen Zusammenhgang stehen. Auf diese Weise verknüpfen sich die Informationen über die Erkenntniskategorien hinaus miteinander.

Das logische Zusammenspiel der Erkenntniskategorien ergibt sich auf der Verfahrensebene aus dem Zusammenhang der Phasen, der in der Phasenlogik beschrieben wird. Die Phasen finden sich in den Erkenntniskategorien Rahmen, Themen, Motive und Lösungen wieder. Die Einigung wäre in dieser Logik die Umsetzung der gefundenen Lösung. Der logische Zusammenhang der Kategorien Argumente, Positionen und Themen, wird in der Themenlogik aufgedeckt. Auf der Fallebene beschreibt die Konfliktdynamik die Zusammenhänge der Erkenntniskategorien. Der Gesamtzusammenhang ergibt sich aus der Mediationslogik.

Mediationslogik 

Die Erkenntnisgewinnung

Die Wegbeschreibung alleine ist noch keine Garantie dafür, dass die zur Begehung des Weges erforderlichen Erkenntnisse auch tatsächlich gewonnen werden. Deshalb bietet die Mediation noch weitere Unterstützungen an, um die Erkenntnisgewinnung zu ermöglichen.

Erkenntnisflow

Mit der Zusammenführung der Informationen in Erkenntniskategorien und mit der Zusammenführung dieser Kategorien stellen sich die Verbindungen zwischen den Informationen wie von selbst her. Die Ebenen werden deutlich, die Informationen werden gewichtet und können deshalb miteinander verglichen und in Bezug gesetzt werden.

Beispiel 11617 - Ein Argument wird beispielsweise einem Thema zugeordnet und kann kein Eigenleben entfalten. Die Lösung wird den Motiven (Interessen) zugeordnet, weshalb sie einen Maßstab bekommt, an dem sie zu messen ist usw.


Je mehr Informationen an der richtigen Stelle eingefügt werden, desto besser werden die zu den Lösungen führenden Gedanken erkennbar. Wieder bietet sich der Vergleich mit einem Puzzle an. Auch bei einem Puzzle wird das fertige Bild umso deutlicher, je mehr Steine an die richtige Stelle gelegt wurden. Erkennbar wird auch, welche Teile noch fehlen, um das Bild zu vervollständigen.

Was mit dem Bild geschieht, geschieht auch mit den Gedanken der Parteien. Gedanken und Informationen sind miteinander verknüpft. Die Kategorisierung hilft, die Gedanken zu ordnen. Deshalb ist es der Mediation möglich auch für komplexe Verfahren und Fragestellungen Lösungen zu finden. Die Verknüpfung der Informationen erzeugt einen Flow, der die Parteien davon befreit, künstliche Argumentationsketten aufzubauen. Die Mediation wirkt aus sich selbst heraus. Wenn diese These als eine weitere Prämisse angesehen wird, ist die Rolle des Mediators eine Konsequenz. Seine Aufgabe besteht nicht darin, Informationen zu verarbeiten. Vielmehr ist ein Auftrag, den Erkenntnisprozess der Mediation zu ermöglichen, also die Mediation zur Wirkung zu bringen.

 Merke:
Leitsatz 4114 - Der Mediator, oder besser gesagt: die Mediation, leisten Erkenntnishilfe, indem die Gedanken wie Bausteine einer auf den anderen aufgesetzt werden. Verschiedene, selbst inkompatible Denkperspektiven werden möglich, indem sie in eine sequentielle Folge gebracht werden.

Gedankengang

Um diesen Auftrag zu erledigen, muss der Mediator nicht nur die Mediation im Kern begriffen haben. Er muss auch wissen, wie die im Streit befindlichen Parteien aus ihrer Kontroverse heraus und gegebenenfalls entgegen ihrer Wahrnehmung und Emotionen Gedanken entwickeln können, die es ihnen erlauben, sich in dem aus der Mediation entstehenden Flow zu bewegen. Er muss wissen, wie Gedanken entstehen, korrigiert werden, und wie sie geöffnet werden können, damit sich die passende Lösung finden lässt. Der Erkenntnisprozess der Mediation unterstützt den Gedankengang mit folgenden Vorgaben:

  1. Die strategische Ausrichtung ist eine Lösungssuche. Gedanklich wird die Partei vom Denken an die Lösung weggeführt.
  2. Die Suchstrategie legt eine Kooperation nahe und führt in ein paralleles Denken
  3. Die Kontroverse wird lediglich festgestellt. Argumente, die die Gedanken im Problem festhalten, erübrigen sich spätestens mit Beginn der 3.Phase.
  4. Der Kontext geht nicht aus den Augen verloren, indem jede Erkenntniskategorie an Ziel und Thema (statt Position) ausgerichtet wird.
  5. Die Interessen (Motive) werden in den Vordergrund gestellt, sodass sich die Gedanken in eine konfliktfreie Welt führen lassen. Es wird nicht gefragt, was schief gelaufen ist, sondern was besser sein soll. Hier gibt es Parallelen zur Lösungsorientierten Kurztherapie
  6. Die sich aus der Zeilsetzung ergebende Zukunftsorientierung stellt den Nutzen in den Vordergrund, nicht das Problem
  7. Die Gedanken werden durch die Phasenabgrenzung aktiv unterbrochen. Das Denken an Positionen und Lösungen wird vom Denken an Interessen abgegrenzt.
  8. Die Phasen sind mit unterschiedlichen Aufträgen an den Mediator und die Medianden verbunden. Jede Phase passt sich dem notwendigen Erkenntnisbedarf an. In der Kreativphase (4.Phase) beispielsweise wird der Prozess beschleunigt. In der Reflexionsphase (3.Phase) wird er verlangsamt, weil das Eine ein Nachdenken erfordert, das Andere ein Nachdenken verhindern will.
  9. Die Abtrennung des Denkens an Lösungen verhindert eine gedankliche Fokussierung, woduch sich der Lösungsrahmen erweitert.
  10. Die Verhandlungen werden auf eine Ebene geführt, wo es Gemeinsamkeiten gibt.
  11. Die Mediation etabliert eine durch den Mediator ständig verfügbare Metaebene, die Argumente in Reflexionen überführt, statt in Gegenargumente.
  12. Der Mediator repräsentiert die Metaebene und ist nicht operativ in den Streit eingebunden.
  13. Die Position außerhalb des Streitsysteme erlaubt die Spiegelung des Streites.und unterstützt die Einsichtsfähigkeit
  14. Weil die Mediation eine Verstehensvermittlung ist, gibt sie keinen Anlass zum Streit. Sie gibt nur Anlass zum Verstehen.

Metaebene

Eine wichtige Bedingung, dass sich Gedanken entwickeln können, ist das Vorhalten einer Metaebene. Die Metaebene ist die Reflexionsebene. Von hier aus ist es möglich, den Parteien ihr Denken und Handeln bewusst zu machen und zu hinterfragen. Systemisch betrachtet begünstigt die Mediation die Abgrenzung zwischen der operativen Ebene und der Metaebene. Um dies deutlich zu machen werden die Ebenen zwischen den Mediationssystemen und dem Strahlsystem unterschieden. Die Mediation bewegt sich außerhalb des Streitsystems, weshalb auch der Mediator außerhalb des Streitsystems steht. Durch den Grundsatz der Indetermination wird er von der operativen Ebene (also dem Entscheidungsprozess) distanziert.

Die Metaebene ist völlig wertfrei und hat den Blick auf alles, auch auf das was nicht sichtbar ist. Die Metaebene meldet zurück was sichtbar wird und überlässt die Bewertung den Akteuren in einer Weise, dass sie reflektiert und überprüft werden können.

Verstehen

Im Mittelpunkt des Verfahrens steht das wechselseitige Verstehen damit sich der Verstehensprozess verwirklichen kann, bedarf es einer Synchronisation der Wahrnehmung, der Kommunikation und der Gedanken. Methodisch wird der Verstehensprozess auf den Erkenntnisprozess ausgerichtet und am Besten mit der Technik präzisen Zuhörens verwirklicht. Diese Technik bezieht das Dimensionieren ein, wodurch die Zuordnung der Informationen zu den Erkenntniskategorien, mithin die Verwirklichung des Flows möglich wird.

Verstand

Weil die Mediation mit Gedanken arbeitet ist das einzige Werkzeug, das für ihr Gelingen erforderlich ist, der Verstand. Man sollte denken, dass der Verstand stets verfügbar und eingeschaltet ist. Bedenkt man allerdings, dass der Mensch mehrere Intelligenzzentren hat, wird deutlich, dass der Verstand nicht die größte und wichtigste Rolle spielt, wenn es darum geht Entscheidungen zu treffen. Es gibt viele Einflüsse, die die Verstandesleistung steuern und Einfluss auf die Gedanken nehmen. Besonders im Konflikt geschieht es häufig, dass die Emotionen im Vordergrund stehen. Bei hoch eskalierten Konflikten schaffen sie es sogar, den Verstand in den Hintergrund zu bringen. Es muss mit Ausgangsbedingungen gerechnet werden, die es Parteien schwer machen, die zur Lösung führen Gedanken zuzulassen.

In solchen Fällen ist der Mediator gefragt. Er muss versuchen, die Hindernisse zu erkennen und überlegen, was erforderlich ist, damit sich der Erkenntnisprozess der Mediation in den Köpfen der Parteien verwirklichen lässt bei dieser Arbeit stehen ihm Interventionen zur Seite.

Interventionen 

Selbstregulierung

Eine weitere wichtige Unterstützung, die die Mediation für die Denkarbeit zur Verfügung stellt, ist die Selbstregulierung. Damit sich die Metaebene in einer streitigen Beziehung etablieren kann, isoliert sie sich von dem operativen Geschehen und bildet eine strategische Exklave. In dieser Exklave stellt die Mediation alles zur Verfügung, was nötig ist, damit sich das Verfahren selbst verwirklichen kann. Folgende Mechanismen der Selbstregulierung sind zu beachten:

  1. Die Freiwilligkeit führt dazu, dass die Parteien in einer Art und Weise verhandeln müssen, dass niemand die Mediation verlassen muss.
  2. Die Vertraulichkeit führt dazu, dass die Informationen nicht für einen Streit missbraucht werden können.
  3. Die Rollenverteilung führt dazu, dass die Metaebene geschützt wird
  4. Die Erarbeitung der Lösungskriterien führt dazu, dass die Mediation den Qualitätsmaßstab für einen erfolgreichen Ausgang aus sich selbst heraus bestimmen kann,

Die Matrix

Funktionseinheiten
Funktionale Einheiten
Wenn die Mediation als ein Gedankengebäude verstanden wird, das die Parteien gemeinsam zu errichten haben, können die Puzzlesteine in Bausteine umgedeutet werden. Unter Zugrundelegung der Theorie der vermittelnden Erkenntnis lassen sie sich genau identifizieren. Die Bausteine des Erkenntnisprozesses lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Das Fundament wird aus der Systemik gebildet
  2. Das Baumaterial sind die Gedanken
  3. Die Bausteine sind die Erkenntniskategorien
  4. Der Mörtel ist die Mediationslogik
  5. Der Bauplan ist die Erkenntnislandkarte
Matrix
Mediationsmatrix
Die Metapher zeigt, dass alles Erforderliche vorhanden ist, um ein Gedankengebäude zu errichten. Weil die Baumaterialien aber nicht nur statisch, sondern in einer Art und Weise verwendet werden, dass sich ihre Dynamik entfalten kann, werden die Bausteine der Mediation auch als funktionale Einheiten bezeichnet. Die Architektur dieses Gedankengebäudes führt in eine Matrix. Sie erfasst alle Elemente und steuert ihr Zusammenspiel. Die Matrix weist alle Eckdaten nach, über die sich der interaktive Prozess der Mediation zuverlässig steuern lässt.


Das Wissen über die Funktionalität erlaubt auch ein Qualitätsmanagement. In der Metapher der Errichtung eines Gedankengebäudes wäre das Qualitätsmanagement mit der Bauaufsicht zu vergleichen. Benchmarks überwachen, dass alle zur Verwirklichung des Erkenntnisprozesses erforderlichen Daten und Operationen zum Einsatz kommen. Hier eine Übersicht:

Funktionale Einheiten oder functional Units stellen die Schlüsselelemente der Mediation heraus, anhand derer sich die Zusammenhänge, innerhalb der Mediation erklären lassen. Es handelt sich um statische Elemente, die im Zusammenpiel wie das Zusammentreffen chemischer Elemente, eine dynamische Wirkung entfalten und sich in die Mediationslogik einfügen. Im Grunde steht jedes Element mit jedem in einem Zusammenhang, sodass kein (oder kaum ein) Element hinweggelassen werden kann, ohne dass die Mediation darunter leidet. Ausgangspunkt, um die functional Units herauszuarbeiten, sind die grundlegenden Elemente:

funktionale Einheitenbox

  1. Ziel: Die Zielfestlegung ist zunächst lediglich darauf gerichtet, eine Lösung zu finden, die den maximalen Nutzen verspricht.
  2. Rahmen: Aus der Zielfestlegung ergibt sich der Weg. Weil es um die Suche geht, ist die Kooperation die naheliegende Strategie.
  3. Konflikt: Der Konflikt bildet den Bezug. Er muss sic also in den Themen wiederfinden und in dem Mediationmodell, das die dazu erforderliche Bearbeitungstiefe festsetzt.
  4. Verstehen: Die Klärung des Konfliktes und der zur Beseitgung erforderlichen Anforderungen steht im Mittelpunkt.
  5. Lösung: Das Ziel ict erreicht, wenn eine den Anforderungen entsprechende Lösung gefunden wurde.

Die funktionalen Einheiten erfassen die Bausteine, die in ihrer Interaktion für das Funktionieren der Mediation verantwortlich sind. Sie beschreiben die Funktion der Bausteine und stellen Verbindungen zwischen den Navigations- oder Montagepunkten her, indem sie den inneren Zusammenhang des Mediierens oder dessen beschreiben, was eine Mediation ausmacht. Die Montagepunkte, zwischen denen sich funktionale Beziehungen herstellen lassen, sind:

Navigationspunkt Verknüpfung Erkenntnis
Zielabstimmung 1.Phase Es gibt keine verwertbare Lösung. Eine Suche ist erforderlich
Rahmen 1.Phase Errichtung der Metaebene. Gedankenfreiheit (Offenheit) wird ermöglicht. Kontrollfähigkeit wird eingerichtet (Freiwilligkeit)
Streit 2.Phase Widerspruch wird akzeptiert. Parteien stellen sich der kognitiven Dissonanz, Streitbekenntnis
Themen 2.Phase Was zu regeln ist, damit der Konflikt beigelegt werden kann.
Fokus 1.Phase, 3.Phase Wird auf die Nutzenerwartung gesetzt
Dimension 1.Phase, 3.Phase, Kontinuum, Mediationsmodell Welche Dimensionen des Streitkontinuums und der Komplexität sind zu erfassen, damit eine ganzheitliche Lösung möglich wird
Reichweite Konfliktkongruenz Wie weit reicht der Konflikt?
Nutzen 3.Phase

Bedeutung für die Mediation

Die Kognitionstheorie schließt den Kreis der fragmentalen Mediationstheorien, indem sie den Zusammenhang der zu durchlaufenden Erkenntnisschritte ausweist. Die Abstraktion erlaubt einen Blick auf das Ganze (ganzheitliche Mediation) und kann sogar die Klammer unter die unterschiedlichsten Varianten der Mediation herstellen.

Die kognitive Mediationstheorie ist eine Theorie der vermittelnden Erkenntnis. Ihre Anwendung erlaubt eine bessere Identifikation der Mediation und eine klare Abgrenzung. Sie verbessert die Qualität in der Mediation, erlaubt ihre Standardisierung durch Benchmarks und erweitert zugleich den Mediationsradius und mithin die Möglichkeit der Nachfrage.

Hinweise und Fußnoten

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Bearbeitungsstand: 2022-06-06 19:21 / Version 242.

Aliase: kognitionsbasierte Mediationstheorie, kognitive Mediationstheorie, Erkenntnis, Erkenntnisprozess, Kognitionsprozess, Kognitionstheorie, Erkenntnistheorie, Erkenntniskategorien
Diskussion (Forum): Der wissenschaftlicher Diskurs ist erwünscht im Forscherforum zum Beitrag Mediation als Erkenntnisprozess
Siehe auch: Verstehen, Mediationsradius, Prozesslogik, Phasenlogik, Themenlogik, Konfliktdynamik, Mediationslogik, Erkenntnislogik, Informationsmanagement, Mediation ein Weg der Erkenntnis
Bearbeitungshinweis: Textvollendung erforderlich, termínologische Abgleichung, Zitate und Verlinkung

1 Siehe Trossen (Mediation visionär) - 2021-04-14
4 Siehe Komplexität und Emergenz in der Mediation, {trackerautoritem trackerId="16" fieldId="103" fieldId2="622" itemId="11105"}, {trackerautoritem trackerId="16" fieldId="103" fieldId2="622" itemId="13314"}
5 Die theoretische Herleitung wurde aus den Erfahrungen der Integrierten Mediation entwickelt
8 Siehe Lowry (Facliitating Settlement) - No value for 'tracker_field_downloaddatum'
9 siehe die Ausführungen über das Mediationsverständnis
12 Zitat aus Wikipedia Fundstelle https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnistheorie, abgelesen am 16.8.2018

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