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Auf den Nutzen kommt es an

Wissensmanagement » Diese Seite gehört zum Fachbuch Mediation in der Wiki-Abteilung Wissen. Sie befinden im Kapitel Nutzen das dem Kapitel Ziel des 4. Buchabschnitts Mediationsprozess zugeordnet wird. Beachten Sie bitte auch:

Prozess Ziele Zukunft Nutzen Nutzenerwartung Nutzenanalyse Motive Bedürfnisse Utilisation

Worum es geht: Es geht um die Frage was der Nutzen ist und wie er realisiert werden kann. Die Unterscheidung von der Entscheidung, also dem Ergebnis, der Lösung und dem Nutzen spielt in der Mediation eine außerordentlich wichtige Rolle. Es ist nicht egoistisch an seinen Vorteil zu denken. Es kann sogar sehr schlau sein, wenn sich der Vorteil im Nutzen wiederfindet. Der Utilitarismus gibt dafür sogar einen ethischen Rahmen vor. Was aber macht den Nutzen so attraktiv und warum hat er in der Mediation eine Schlüsselfunktion?

Einführung und Inhalt: Der Nutzen spielt in der Mediation eine ganz wichtige Rolle. Er verbirgt sich hinter den Interessen, die sich in der Sprache der Mediation eher aus den Motiven als aus der Lösung ergeben. Anders als Lösungen decken die Motive (Beweggründe) den Nutzen auf, während Lösungen die Umsetzung betreffen, die den Nutzen meist offen lässt oder einfach unterstellt. Die Nutzensorientierung hat in der Mediation eine herausragende Bedeutung, die sich in jeder Lage des Verfahrens verwirklicht.

 Merke:
Leitsatz 14738 - Die Mediation stellt stets den Nutzen in den Vordergrund. Sie ist nutzenorientiert. Sie fragt nicht nach dem Warum, sondern nach dem Wozu und danach, was man sich von einem Plan einer Lösung oder einem Interesse verspricht.

Was ist Nutzen i.S.d. Mediation?

Der Duden definiert den Nutzen als Vorteil, Gewinn oder Ertrag, den man von einer Tätigkeit, dem Gebrauch von etwas, der Anwendung eines Könnens o.Ä. hat.1 In der Wirtschaft ist von der Bedürfnisbefriedigung die Rede. Die Philosophie findet den Nutzen im Utlitarismus als ein ethisches Prinzip.
Das Wort Utilitarismus stammt vom Lateinischen utilitas ab, das mit Nutzen oder Vorteil zu übersetzen ist. Der Utilitarismus beschreibt eine zweckorientierte, teleologische Ethik.2 Der Rechtsphilosoph Jeremy Bentham ist der Begründer des klassischen Utilitarismus. Er sieht die Basis für das Wirken der Menschen in dem Widerspruch zwischen Leid und Freude.3 Bentham definiert das Prinzip der Nützlichkeit als den Maßstab, der schlechthin jede Handlung in einem Maß billigt oder missbilligt, wie ihr die Tendenz innezuwohnen scheint, das Glück der Gruppe (der davon Betroffenen), deren Interesse in Frage steht, zu vermehren oder zu vermindern.4 Es gibt Übereinstimmungen mit dem Nutzenbegriff der Mediation. Hier stellt sich der Nutzen aus der Verwirklichung der Motive her. Das geht weit über die (lediglich) auf eine Handlung oder Unterlassung gerichteten Interessen hinaus.

Beispiel 15289 - Sie kennen das Orangenbeispiel, wo zwei Geschwister über eine Orange streiten. Die Mutter arbeitet das Interesse heraus, das sich auf die Verwendung der Orange beschränkt. Die eine Tochter will Kuchen backen, die andere Orangensaft trinken. Jede Partei kann ihre Interessen 100% verwirklichen. Was aber, wenn beide Schwestern Orangensaft trinken wollen. Sind wir dann wieder in einem Verteilungskonflikt? Nicht wenn wir auf die Motive zum Streit eingehen.


In der Sprache des Utilitarismus könnte man sagen, das Glück der Schwestern, die beide Orangensaft trinken wollen, ergibt sich nicht aus der Verteilung der Orange, sondern aus der Bedeutung, die ihr zugeschrieben wird und der Rückkopplung zu den Bedürfnissen, die den Konflikt ausgelöst haben. Indem die Bedeutung hinterfragt wird, stellen sich weitere Ebenen her, auf denen die Lösung zu finden ist.5 Weil es in der Mediation zumindest vordergründig nicht um ethische Auseinandersetzungen geht, wird der Nutzen in der Phase drei ganz individuell ermittelt, indem zunächst der erwartete Nutzen (nicht die Lösung!) aus der Sicht jeder einzelnen Partei herausgearbeitet wird, um dann Gemeinsamkeiten und Schnittstellen zu finden, die zu einem gemeinsamen Nutzen führen. Die Kriterien des Nutzens ergeben sich somit aus der erwarteten Befriedigung.

Das Phänomen des Nutzens

Menschen haben stets Lösungen im Sinn und nur selten den Nutzen. Der Nutzen scheint stets das Zufallsprodukt des Handelns zu sein. In der zeitlichen Logik kommt er hinter der Lösung. Er zeigt, ob die Lösung die richtige war oder nicht.

Beispiel 16030 - Der Mann gesteht nach seiner zweiten Scheidung dem Richter: "Eigentlich hat das (mit den Scheidungen) alles gar nichts gebracht. Die einzigen die verdient haben, waren die Anwälte". Im Brexit kommt erst jetzt die Erkenntnis, dass der Brexit eher Nachteile als Vorteile eingebracht hat. Die Entscheidung wird im Nachgang in Frage gestellt.


Je stärker die Lösung fokussiert wird und je mehr Energie darauf verwendet wird, sie durchzusetzen, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass mögliche Nachteile ausgeblendet werden. Letztlich ist es aber der Nutzen, der die Entscheidung bewertet. Er beschreibt den Ausgang und die ihre Wirkungen. Stellt sich ein Nutzen her, ist man zufrieden. Stellt er sich nicht ein, wird die Entscheidung bereut. Dann wird ein Sündenbock ausgemacht, was am Ergebnis allerdings auch nichts ändert. Wie wäre es, wenn wir statt auf die Lösung mehr auf den möglichen Nutzen achten? Das ist der Ansatz der Mediation. Der Nutzen hat in der Mediation eine sehr große Relevanz. Er macht ihren Nutzen aus.

Nutzenrelevanz

Die Parteien begegnen den Nutzenerwägungen sowohl auf der Fallebene, wo das nützlichste Ergebnis zu finden ist, wie auf der Verfahrensebene, wo das dahin führende, nützlichste Verfahren zu finden ist. Die beiden Ebenen sind stets zu unterscheiden.

Nutzen des Verfahrens

Die Untersuchung der Frage, ob die Mediation das für die Parteien nützlichste Verfahren ist, findet meist VOR Beginn der Mediation statt. Es ist eine Entscheidung, die am Besten in einem Clearing aufgehoben ist. Um eine fundierte Entscheidung für oder gegen das ein oder andere Verfahren treffen zu können, hilft die Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile.

Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile 

Der erwartete Nutzen des Verfahrens ergibt sich aus den Beweggründen, warum die Partei das eine oder andere Verfahren wählt. Die Beweggründe sind mit der Konfliktstrategie verknüpft. Sie können in dem Verfahrensmotiv aufgedeckt werden, das sich in der Mediationsbereitschaft ausdrückt. Das Verfahrensmotiv entscheidet über die Mitwirkungsbereitschaft der Parteien, was oft mit der Freiwilligkeit verwechselt wird,

Mediationsbereitschaft 

Nutzen der Lösung

Die Frage nach dem nützlichsten Verfahren orientiert sich natürlich auch an der Frage, welches Verfahren die nützlichste Lösung herbeiführen kann. Für die Mediation ist diese Frage herausfordernd, weil es ein lösungsoffenes Verfahren6 ist und die Kriterien für den Nutzen der Lösung erst in der 3.Phase erarbeitet werden.

Was sich wie ein Nachteil anfühlt (dass die Lösung nicht genannt werden kann), ist bei genauem Hinsehen ein Vorteil. Die Auseinandersetzung mit Entscheidungsprozessen zeigt nämlich, dass die Mediation das einzige Verfahren ist, das sich überhaupt aktiv mit der Frage der Nutzenevaluierung auseinandersetzt und den Nutzen zu einem Kriterium der Lösungsfindung erhebt.

Grundlegendes über Entscheidungsprozesse 

Nutzen der Maßnahme

Auch einzelne prozessuale Entscheidungen in der Mediation werden am Nutzen ausgerichtet. Jede Aufgabe und jede Intervention dient zur Verwirklichung des Zweckes der Mediation. Ihr Nutzen stellt sich her, wenn die Maßnahme dazu bei trägt, dass die Parteien Erkenntnisse gewinnen können dies Ihnen ermöglichen selbst die Lösung zu finden.

Nutzenfokussierung

Warum die Ausrichtung des Denkens am Nutzen so wichtig ist, hat mit der Art des Denkens zu tun. Der Beitrag von Watzlawick mit dem Titel "Wenn die Lösung das Problem ist"7 belegt, dass der auf das Problem gelenkte Fokus kaum dazu beitragen kann, das Problem zu überwinden. Der natürliche Drang, ein Problem lösen zu müssen, macht es auch schwer, davon abzulenken und den Fokus auf etwas anderes zu richten.8 Weil es sicher nicht genügt, die Partei zu ermahnen, an etwas andres zu denken, bedient sich die Mediation vieler miteinander zusammenhängender Schritte, um den gedanklichen Fokus von dem Problem weg, auf den Nutzen umzulenken.

Mediationsgrundsatz

Die Ausrichtung am Nutzen ist von zentraler Bedeutung der Mediation, wenn sie dem Konzept der kognitiven Mediationstheorie folgt. Der Mediator fragt stets nach dem Wozu, was auf den Nutzen hindeutet, nicht nach dem Wie, was auf die Lösung hindeutet. Das Wie ergibt sich aus dem Wozu. Um diesen Fokus zu unterstreichen, wird die Nutzenorientierung als einer der Grundsätze der Mediation festgeschrieben.

Nutzenorientierung

Zielvereinbarung

Der Nutzen wird, das Verfahren betreffend, bereits im ersten Moment, also der in der 1.Phase festgestellt, indem die von den Parteien zu treffende Zielvereinbarung lautet:

"Wir suchen nach einer Lösung, mit der wir alle zufrieden sein können". Man könnte den Zusatz anfügen: "... und die wir als die nützlichste von allen in Betracht kommenden Lösungen ansehen.


Die Zielvereinbarung ist extrem wichtig. Sie stellt den gedanklichen Folus her, der auf den Nutzen gerichtet wird und definiert ein Suchspiel, das die Kooperation als die zielführende Strategie vorgibt.

Interessenerhellung

In der 3.Phase erschließt sich der Nutzen der Falllösung über die zu erhellenden Lösungsmotive. Sie ergeben die Kriterien für die zu findende Lösung.

Lösungsmotive 

Denkweise

Das Denken wird in Abschnitte unterteilt. Dadurch ist es Möglich, die zu klärenden Fragen prozessabhängig zu fokussieren und das Denken an Lösungen zurückzustellen. Der Fokus wird alsdo vom Problem und der Lösung weg zu den Interessen gelenkt. Die von der Mediation produzierten Denkschritte finden sich in den Phasen wieder. Die 3.Phase soll es den Parteien erlauben, ausschließlich an den Nutzen zu denken, ohne die Lösung im Blick zu haben.

Kognitive Mediationstheorie 

Werkzeuge

Die wichtigsten Werkzeuge, mit denen der Fokus im Verlauf des Verfahrens verändert werden kann, sind das präzise Zuhören und das Fragen.

Beispiel 11802 - Die Ehefrau sagt in einer Trennungsmediation: "Eigentlich will ich mich gar nicht scheiden lassen. Es ist ja so teuer". Der Ehemann fährt direkt dazwischen: "Da haben Sie es gehört. Das will sie nur nicht wegen des Geldes!". Der Mediator erwidert: "Ich habe den ersten Teil des Satzes gehört. Wir können später (in der 3.Phase auf die Motive eingehen."

Beispiel 11803 - Die Partei sagt: "Ich möchte mit dem Kollegen nicht mehr zusammenarbeiten". Der Mediator erkennt in der Ansage eine Position oder eine Lösung. Um das Motiv herauszuhören fragt er: "Was haben Sie davon, wenn Sie alleine arbeiten, was ist dann anders?". Er fragt nicht "Warum möchten Sie nicht mehr mit dem Kollegen zusammenarbeiten?". Dies Frage lenkt in das Problem hinein und nicht heraus.


Der Mediator wird bemerken, dass es den Parteien oft nicht leicht fällt, an einen Nutzen zu denken, wenn das Problem im Weg steht. Es sind deshalb die vielen kleinen Schritte und gegebenenfalls Interventionen, die das Denken in eine positive Ausrichtung von der Lösung weg auf den Nutzen lenken.

Bedeutung für die Mediation

Warum es nicht egoistisch ist an seinen Vorteil zu denken, erschließt sich aus den Denkmöglichkeiten, die sich ergeben, wenn der Fokus von der Lösung weggenommen wird. Auf der Nutzenebene stellen sich eher Gemeinsamkeiten her, als auf der im Streit befindlichen Lösungsebene.9 Wenn der Gedanke an den eigenen Vorteil also darauf abzielt, nach den Gemeinsamkeiten und Schnittmengen zu suchen, wo die Lösung den allseitigen Nutzen verwirklicht, ist das alles andere als egoistisch.

Dass sich hinter dem Begriff der Interessen die Kriterien des Nutzens einer Lösung verbergen, geht bei dem verwendeten Sprachgebrauch unter. Lösungen werden oft mit dem Nutzen gkleichgesetzt, obwohl sie den Nutzen nicht wirklich erschließen, sondern nur unterstellen. Die Lösung ist eine Antwort auf die Frage danach, wie man ein Problem löst. Der Nutzen wäre die Antwort auf die Frage danach, wozu es gelöst wird. Deshalb lenkt auch die Ansicht, die Mediation sei ein lösungsorientiertes Verfahren, vom Kern der Mediuation ab. Um den Fokus der Mediation herauszustellen, ist es besser, wenn die Mediation als ein nutzenorientiertes Verfahren bezeichnet wird.

Was tun wenn ...

Hinweise und Fußnoten
Bitte beachten Sie die Zitier - und Lizenzbestimmungen.
Bearbeitungsstand: 2024-02-23 12:02 / Version 103.

Alias: Lösungswegsorientierung, Entscheidung, Nutzenverwirklichung, Nutzenmaximierung, Nutzenerzielung, Nutzenerreichung, Nutzenmaximierung
Siehe auch: Lösungsweg, Nutzenverwirklichung, Entscheidungsprozesse, Ziel, Nutzenerwägung
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Based on work by Arthur Trossen und anonymous contributor . Last edited by Arthur Trossen
Seite zuletzt geändert am Freitag Februar 23, 2024 23:57:09 CET.

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