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Gefahren und Chancen des Denkens

Wissensmanagement » Diese Seite gehört zum Fachbuch Mediation in der Wiki-Abteilung Wissen. Sie befinden sich auf der Themenseite Denken, die der Rubrik Verstehen des 5. Buchabschnitts Methodik der Mediation zugeordnet wird. Beachten Sie bitte auch:

Verstehen Denken mediatives Denken Gehirn Gedankengang Kognition Kreativität Hindernisse

Worum es geht: Wenn die Mediation ein Verfahren der Verstehensvermittlung ist, dann steht die Methode des Verstehens im Mitelpunkt. Verstehen kommt nicht ohne Denken aus. Somit ergibt sich der Zusammenhang. Der Mensch bewegt sich in verschiedenen denkweisen. Er kann sicherlich logisch denken. Er kann auch dialektisch denken. Eigentlich aber denkt er assoziativ. Wir wollen uns in diesem Kapitel mit dem Denken auseinandersetzen, soweit es für die Mediation relevant ist. Wir beginnen mit typischen Denkfehlern, um uns dann mit den Arten des Denkens und ihrer Relevanz für die Mediation auseinanderzusetzen.

Einführung und Inhalt: Ein wichtiges Konzept der Mediation zeigt, worauf es ankommt und warum das Denken so eine wichtige Rolle spielt:

 Merke:
Leitsatz 15587 - Die Parteien sollen selbst die Lösung finden. Also müssen sie (auch selbst) denken, nicht der Mediator. Der Mediator muss (lediglich) denken, wie die Parteien denken müssen, damit sie selbst die Lösung finden können. Er kann ihnen das Denken nicht abnehmen.

Die Mediation und mit ihr der Mediator oder die Mediatorin müssen es den Parteien ermöglichen, so zu denken, dass sie die Lösung finden können.1 Damit das gelingt, kommt es entscheidend darauf an, dass der Mediator weiß, was und wie zu denken ist, damit sich das Ziel der Mediation herstellt.

Was wie zu denken ist

Das Denken beschreibt die menschliche Fähigkeit des Erkennens und Urteilens. Dabei spielt der Verstand eine wichtige Rolle. Grundsätzlich geht das der Mediation zugrunde liegende Menschenbild davon aus, dass der Mensch selbst in der Lage ist, Lösungen zu erdenken und Probleme zu lösen. Im Konflikt allerdings, ist diese Fähigkeit eingeschränkt. Denken erfordert Ruhe. Es kostet viel Energie. Die Gedankenn dürfen nicht eingeengt sein, wenn sie über ein Problem und nicht im Problem denken. Kurz gesagt: Stress verhindert das Denken (oder erschwert es zumindest). Die Einschränkung ist durchaus zum Schutz des Menschen angelegt. Der Schutz verfehlt in einer komplexen Gesellschaft und in der modernen Welt allerdings seine Wirkung.

Beispiel 11584 - Stellen Sie sich vor, Sie sind in einer gefährlichen Situation. Sie gehen durch eine dunke Straße. Plötzlich gibt es einen Knall. Es könnte ein Schuss oder eine Explosion sein oder sonst etwas. Wenn Sie statt wegzulaufen jetzt lange nachdenken, was das für ein Geräusch war, könnte es für einne Flucht zu spät sein. Ein reflektives, analytisches Denken könnte Sie in Gefahr bringen. Deshalb ist es wichtiger (ggfalls inntuitiv) zu handeln, als lange darüber nachzudenken, was zu tun ist.


Das Beispiel zeigt, dass ein reflektives Denken nur in bestimmten Situationen möglich und sinnvoll ist. Denken erfordert nicht nur Ruhe, sondern auch eine gedankliche Freiheit. Diese Freiheit findet sich selten auf der von Zwängen bestimmten operativen Ebene. Sie wird jedoch auf einer davon abgelösten Metaebene zur Verfügung gestellt. Leider führt der Konflikt in ein Denken hinein, dass diese Ebene verkürzt, wenn sie (problembezogen) überhaupt zur Verfügung steht. Es ist demnach die Aufgabe der Mediation und mit ihr des Mediators, den Weg der Gedanken für die Parteien zu öffnen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, muss der Mediator mit den Denkprozessen vertraut sein. Er muss wiessen, wie die Mediation das Denken beflügelt und was die Parteien davon abhält, die Gedanken an sich heranzulassen und den gedanklichen Weg der Mediation zu vollziehen.

Denkfehler

Denkfehler werden in der Psychologie auch unter dem Sammelbegriff kognitive Verzerrung (cognitive bias oder cognitive illusions) zusammengefasst. Gemeint sind systematische, fehlerhafte Neigungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen. Sie bleiben meist unbewusst und basieren auf kognitiven Schlussfolgerungen unseres Gehirns.2 Solche Denkfehler passieren ständig. Der Mensch ist eben kein rational denkendes Wesen.3 Leider verzichten wir darauf, jeden unserer Schritte rational nach seinem Nutzen abzuwägen.4 Wenn die Mediation ein Verstehensprozess ist, spielen Denkfehler eine wichtige Rolle, weil sie vom Verständnis der Realität ablenken.

Erforscht sind etwa 120 Denkfehler. Es gibt aber sicherlich noch mehr und es gibt auch eine Überschneidung zu den Wahrnehmungsphänomenen, die das Denken in die Irre leiten. Die nachfolgende Auflistung einiger Denkfehler, die dem Verzeichnis der Denk- und Wahrnehmungsfehler entnommen ist, soll nur einen Eindruck hinterlassen. Sie ergänzen das Verzeichnis der speziell in der Mediation zu beachtenden, die Lösungsfindung verhindernden Denkfehler:5

Alles oder Nichts-Denken
Phänomen: Das Denken erfolgt vornehmlich in nur zwei entscheidungsrelevanten Kategorien: ja oder nein, richtig oder falsch, Gewinner oder Verlierer. Grautöne werden unterdrückt, Zwischenlösungen werden ausgeblendet.
Auflösung: Widerspruch akzeptieren und Grauzonen (andere Lösungen) ausloten

Ankereffekt
Phänomen: Bei dem Ankereffekt, der im Englischen Anchoring Bias genannt wird, handelt es sich um einen Bewertungsfehler. Er kommt zustande, wenn jemand etwas nicht einschätzen kann. Das Gehirn sucht dann sofort nach einem Vergleichswert. Dieser Orientierungspunkt wird als ein Anker bezeichnet. Er kann völlig willkürlich sein, weshalb es zu einer verzerrten Wahrnehmung und Einschätzung kommen
Beispiel: Der Ankereffekt kann beim Verhandeln benutzt werden und wird oft im Marketing eingesetzt, indem zunächst ein überhöhter Preis genannt wird, bietet er bereits eine Orientierung für die Folgeangebote.
Konsequenzen: In der Mediation sollte in der Phase vier bei der Lösungsfindung unbedingt darauf geachtet werden, ganz unterschiedliche Angebote (Lösungsvorschläge) zu sammeln, ehe die Verhandlung darüber beginnt.
Auflösung: Es hilft schon (zumindest etwas), wenn man sich des Ankers bewusst wird.
Siehe auch: Anker setzen, Assoziationen

Aspirin-Logik
Phänomen: Eine statistische Erhebung hat gezeigt, dass Menschen, die kein Aspirin nehmen, häufiger an Kopfschmerzen leiden. Der Umkehrschluss jedoch, dass jemand der kein Aspirin nimmt, deshalb notwendigerweise Kopfschmerzen hat, ist nicht logisch. Die Aspirin Logik beschreibt ein Phänomen des Denkens, bei dem wir die Tatsache durch das nicht Vorhandsensein eines korrelierenden Ereignisses (oder des vermeintlichen Gegenteils) zu beweisen versuchen.
Auflösung: Wer etwas beweisen oder belegen will, konzentriert sich auf den Beweisgegenstand nicht den Beweis des Gegenteils. Die Negation des Gegenteils ergibt nicht zwingend den Beleg für das Behauptete. D. h.: Wenn ich belege, dass der andere böse ist, ist die Schlussfolgerung, dass ich gut bin, keine logische Konsequenz.

Assoziationenfalle
Phänomen: Das menschliche Gehirn verknüpft auch unzusammenhängende Informationen miteinander (eben mit Assoziationen)
Auflösung: Kriterien für eine Beurteilung hinterfragen und zusammenstellen

Barnum-Effekt
Phänomen: Menschen neigen dazu, In formationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie die eigene Vorstellungswelt bestätigen.

Confirmation Bias
Phänomen: Menschen neigen dazu, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person als zutreffende Beschreibung zu empfinden.

Dunning-Kruger-Effekt
Phänomen: Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt, wie inkompetente Menschen gerade wegen ihrer Inkompetenz nicht in der Lage sind, ihre Inkompetenz zu begreifen.1
Auflösung: Vorsichtiges Feedback, Coping-Fragen, Mäeutik

Einschrittigkeit der Wahrnehmung
Phänomen: Obwohl die Wahrnehmung aus 3 Schritten besteht kommt es uns so vor als wäre es nur einer. Beobachtung, Interpretation und emotionale Wirkung werden als ein Akkt wahrgenommen und dementsprechend komprimiert. Dadurch schleichen sich Fehler und Ungenauigkeiten ein, die uns nicht immer bewusst werden.
Auflösung: Anwendung der Technik Fakten, Meinungen Emotionen und der technik des Dimensionierens.

Es wird immer erst schlimmer
Phänomen: Der Mensch neigt zu negativen Prognosen (dass etwas ganz Schlimmes passieren wird), auch wenn es dafür keinen Anhaltspunkt gibt. Man will ja Schaden verhindern, also wird die Gefahr fokussiert und manchmal auch herbeigedacht.
Auflösung: Vorsicht mit Prognosen (Woher wissen Sie das?)

Fundamentaler Attributionsfehler
Phänomen: Der fundamentale Attributionsfehler beschreibt das Phänomen, dass der Beobachtende das was er beobachtet der Person oder dem Objekt stets als Eigenschaft zuschreibt.
Beispiel: Ein Passagier beobachtet wie ein Punker im Bus eine alte Dame anrempelt. So ein Flegel wird er denken. Flegel ist eine vermutete Eigenschaft der beobachteten Person. Die Umstände, warum, es zum Anrempeln gekommen ist, verschließen sich der Wahrnehmung.

Gedankenlesen
Phänomen: Viele Menschen neigen dazu, in den Köpfen anderer zu Denken. Sie können zwar nicht Gedanken lesen. Trotzdem agieren sie in der Erwartung einer Reaktion, die sie anderen zutrauen, ohne wirklich zu wissen, was den anderen Menschen bewegt, der möglicherweise auch nur auf das Verhalten seines Gegenübers reagiert.
Auflösung: Im eigenen Kopf denken

Gefühlsdenken
Phänomen: Beim Gefühlsdenken neigen Menschen dazu, Gefühle als Beweis und Meinungen als Fakten anzunehmen
Auflösung: Unterscheidung Fakten, Meinungen, Emotionen

Halo Effekt
Phänomen: Der Halo-Effekt (von englisch halo, Heiligenschein) bewirkt eine kognitive Verzerrung, indem von bekannten Eigenschaften einer Person auf unbekannte Eigenschaften geschlossen wird. Bei dem Halo Effekt verzerrt eine einzelne Qualität das Gesamtbild optional positiv oder negativ. Der Halo-Effekt korresponidert mit dem fundamentale Attributionsfehler, wenn der Handelnde seine Wahrnehmung nicht auf seine Eigenschaft, aber auf die Situation zuschreibt, die ihn stets entlastet. Bei dem Halo Effekt verzerrt eine einzelne Qualität das Gesamtbild optional positiv oder negativ.
Beispiel: Der Punker in dem Beispiel zum Attributionsfehler wird sagen: "Als ich in den Bus einstieg, bin ich gestolpert und habe eine alte Frau angerempelt, die im Weg rumstand".
Auflösung: Bewertungen einzeln prüfen

Hochstapler-Syndrom
Phänomen: Das Hochstapler-Syndrom, auf Englisch Impostor phenomenon genannt, beschreibt das Phänomen, dass besonders kompetente Menschen ihre Fähigkeiten ständig unterschätzen. Sie glauben nicht an den eigenen Erfolg. Ein Symptom könnte sein, dass sie den Erfolg ständig nach vorne stellen. Mehr um sich, als andere zu überzeugen.
Auflösung: Vorsichtiges Feedback, Coping-Fragen, Mäeutik
Siehe auch: Hochstapler-Syndrom

Negativitätsbias
Phänomen: Das menschliche Gehirn zeigt eine Neigung, negative Informationen stärker zu verarbeiten und zu speichern als positive. Dieser Mechanismus hat evolutionäre Vorteile, da er uns dazu veranlasst, auf potenzielle Gefahren oder Bedrohungen aufmerksam zu sein. Dieser Bias kann dazu führen, dass wir uns eher auf negative Nachrichten konzentrieren.
Auflösung: Fokus verändern
Siehe auch: Informationen

Overconfidence-Effekt
Phänomen: Der Overconfidence-Effekt besagt, dass Menschen ihre Fähigkeit um ein Vielfaches überschätzen, exakte Prognosen zu geben
Auflösung: Prognosen vermeiden oder zumindest deren Grundlagen hinterfragen

Personalisieren
Phänomen: Der Mensch neigt dazu, äußere Ereignisse auf sich selbst zu beziehen. Er höht den Appell, nicht die Ich-Botschaft.
Auflösung: Auf die Ich-Botschaften achten!

Plentitudo-Effekt
Phänomen: Der Plentitudo-Effekt beschreibt das Phänomen, dass Menschen dazu neigen, das Wahrgenommene als vollständig anzunehmen. Vielen Menschen ist deshalb nicht bewusst, dass das was sie wahrnehmen nur ein perspektivischer Teil der Wahrnehmbarkeit ist. Den Effekt beschreibt Trossen aus der Erfahrung mit Medianden, die immer wieder verblüfft sind, wenn ihnen bewusst wird, dass ihre Wahrnehmung nur einen kleinen Teil der Realität erfassen kann.

Primäreffekt
Phänomen: Der Primär- oder primacy effect bezeichnet den Eindruck, den man von einer Person gewinnt, wenn man sie zum ersten Mal sieht. Es handelt sich um ein psychologisches Gedächtnisphänomen. Der Primäreffekt besagt, dass man sich an früher eingehende Information besser erinnert wird als später eingehende Information.Wenn die Erstinformation nocht nicht mit anderen gespeicherten Informationen abgeglichen werden kann, geht sie besser ins Langzeitgedächtnis über und kann später nicht mehr so leicht überschrieben werden.2

Projektion
Phänomen: Darunter versteht man die Tendenz, Personen, die einem ähnlich sind, positiver einzuschätzen als andere Personen.3 In der Psychoanalyse wird darunter ein Abwehrmechanismus verstanden. Innerpsychische Inhalte oder ein innerpsychischer Konflikt wird durch die Abbildung eigener Emotionen, Affekte, Wünsche, Impulse und Eigenschaften aufg eine andere Person übertragen. Die Projektion vermeidet die Auseinandersetzung mit sich selbst.4 Der Primäreffekt ist vom Priming-Effekt zu unterscheiden.5
Auflösung: Der Gedanke "Was ich bei anderen nicht mag, kann ich selbst viel besser" hilft Projektionen zu erkennen.

Rezenzeffekt
Phänomen: Darunter versteht man die Tendenz, kürzlich stattgefunden Ereignissen ein stärkeres Gewicht zu verleihen, als weiter zurückliegende Ereignisse6

Rollenzuschreibung
Phänomen: Der Mensch wird an den Merkmalen gemessen, die seiner sozialen Rolle zugeschrieben werden.

Schwarmdummheit
Phänomen: Die Schwarmdummheit ist der konzeptionelle Gegensatz zur Schwarmintelligenz. In beiden Fällen wird der Einfluss des Kollektivs oder der Gruppe auf die Meinungsbildung des Individuums beschrieben. Der soziale Einfluss verändert die Meinungsbildung des Individuums, das sich der Mehrheitsmeinung anschließt, ohne zu hinterfragen, ob es die zielführende, richtige Meinung ist. Auslöser sind Phänomene wie der Herdentrieb oder der Gruppenzwang.
Auflösung: Anpassung der Organisationsstruktur (siehe Soziologie, Schwarmintelligenz, usw.).

Selbstwertdienliche Verzerrung
Phänomen: Die selbstwertdienliche Verzerrung wird auch self-serving bias genannt, beschreibt die Wahrnehmungsverzerrung, mit der Erfolge stets einem inneren Tatbestand oder einer eigenen Kompetenz zugeschrieben werden. Negative Ergebnisse werden hingegen einem äußeren Tatbestand oder Ereignis zugeschrieben.
Auflösung: Faktenrelativierung und Coping-Fragen

Simplifizieren
Phänomen: Die Simplifizierung Ist phänomenologisch mit der selektiven Wahrnehmung zu vergleichen. Beide Phänomene bewirken ein relatives Denken. Der Mensch neigt dazu, nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme zu suchen, um den Alltag besser bewältigen zu können. Er orientiert seine Entscheidung an dem, was er als Konstante ausmacht. Die Entscheidung bezieht sich auf das, was man im Blick hat. Gleiches lässt sich besser mit Gleichem vergleichen, weshalb Ungleiches gerne ausgeblendet wird. Die Komplexität wird reduziert.
Auflösung: Sich der Komplexität stellen

Social Loafing
Phänomen: Das "soziale Faulenzen" erlaubt es Einzelnen in einer Gruppe nicht ihre beste Leistung zu bringen weil das nicht auffallen würde. Je größer die Gruppe ist desto mehr nimmt die Leistung des Einzelnen ab.
Auflösung: Arbeitsteilung mit spezifizierter Verantwortung (so dass es auffällt, wenn einer nicht die gewünschte Leistung erbringt)

Social Proof
Phänomen: Social Proof beschreibt das Phänomen, dass das Denken der Menschen nach Orientierung sucht. Es unterscheidet dabei nicht welcher Qualität die Orientierung ist. Ein Vorurteil genügt oder die Vorstellung, dass Millionen Menschen sich nicht irren können. Machen wir uns klar, dass bereits diese Annahme ein Irrtum ist? Wenn Viele etwas tun, wird es deshalb nicht richtiger.

Überaktivität
Phänomen: Menschen tun die bei irgendwas als nicht selbst wenn sie gar keine Ahnung haben.
Auflösung: Zurückhaltung bis die (ganze) Lage erkannt ist

Verlustaversion
Phänomen: Emotional verstanden wirkt ein Verlust 2 mal stärker als ein Gewinn.
Auflösung: Verluste akzeptieren, indem die Chancen gesehen werden

Verantwortungsdiffusion
Phänomen: Weil die Verantwortung in einer Gruppe geteilt wird, kann der Einzelne Verantwortung zurücknehmen. Andererseits wirkt das Risk Shift. Er wird in seinen Entscheidungen riskanter, weil er die Konsequenzen nicht alleine tragen muss.
Auflösung: Verantwortlichkeit festlegen

WYSIATI-Effekt
Phänomen: Das Akronym steht für "What you see is all there is". Es beschreibt das Phänomen, dass unser Gehirn bei der Entscheidungsfindung alles einbezieht, was wir positiv wissen. Aus diesem Wissen wird eine Geschichte konstruiert, aus der sich die Entscheidung herleiten lässt. Informationslücken bleiben außen vor und werden in die Entscheidung nicht einbezogen.7
Auflösung: Vorsichtiges Feedback, Fakten, Meinungen, Emotionen auseinanderhalten, Fragen, Mäeutik

Zufriedenheitshamsterrad
Phänomen: Das Hamsterrad beschreibt, dass man immer wieder einen neuen Impuls an Glück oder Unglück braucht, sonst verpufft jede Zufriedenheit oder Unzufriedenheit.
Auflösung: Routine vermeiden

Dieses Video zeigt den Beitrag von Rolf Dobelli über Denkfehler und die Grenzen des Wissens. Dobelli stellt heraus, dass ein Denkfehler eine systematische Abweichung vom rationalen Denken sei. Das Wort systematisch sei wichtig. Die Denkfehler zeigen, in welcher Hinsicht falsch gedacht wird. Das falsche Denken geschieht nicht zufällig. Menschen tendieren beispielsweise dazu, das eigene Wissen und die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Es ist bekannt, in welche Richtung falsch gedacht wird. Mit diesem Wissen über den Denkfehler ist es möglich, steuernd eingreifen. Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem Video um ein bei Youtube (Google) hinterlegtes Video handelt. Was das bedeutet, erfahren Sie in der Datenschutzerklärung. Eintrag im Videoverzeichnis erfasst unter Denkfehler und die Grenzen des Wissens

Erkennbarkeit

Alle zuvor vorgestellten Denkfehler haben grundsätzlich ihr Gutes. Sie erlauben ein schnelles, intuitives Handeln. Was wäre, wenn wir alles in Frage stellen und pausenlos über alles nachdenken müssten? Die Handluingsfähigkeit wäre eingeschränkt. Allerdings führen die Denk- und Wahrnehmungsfehler regelmäßig auch zu Fehleinschätzungen. Daraus ergeben sich Standpunkte, die im Streit daran hindern, Übereinstimmungen zu finden. Der Mediator sollte ein Bewusstsein für Denkfehler haben, sodass die Parteien eine realistische Basis für ihre Entscheidungen finden können.

Mediation erwartet Klarheit. Dazu gehört ein präziser Umgang mit Informationen, eine kalibrierte Terminologie und deren Qualifikation durch Metainformationen. Die Mediation stellt nicht nur Techniken zur Verfügung, mit denen sich Denkfehler eliminieren lassen.6 Sie organisiert den Prozess vielmehr in einer Art und Weise, dass gedankliche Hindernisse, die der Lösung im Wege stehen, eliminiert werden.

Wie die Mediation Lösungshindernisse aus dem Weg räumt

Komplexität

Wir denken im Gehirn und dort meistens in der Großhirnrinde.7 Tatsächlich sind an einem einzelnen Denkvorgang Milliarden von Nervenzellen, die sogenannten Neuronen, beteiligt. Ein Gedanke verstreut sich immer gleichzeitig auf das ganze Gehirn. Um einen Gedanken entstehen zu lassen, ist der Austausch zwischen den Neuronen entscheidend. Die Verbindung wird durch die Synapsen hergestellt. Die Denkleistung hängt schließlich von der neuronalen Vernetzung ab. Dabei hinterlässt jeder einzelne Gedanke ein eigenes, unverwechselbares Muster und eine Art Fingerabdruck im Gehirn.8 Das Gehirn organsiert sich selbst. Es gibt kein übergeordnetes Kontrollsystem. Die im Leben gemachten Erfahrungen neuronal integriert.9 Dieses Konzept ermöglicht nicht nur die Lernfähigkeit. Es bildet auch Muster heraus, die als gelernt nicht mehr in Frage gestellt werden. In der Mediation kommt es dashalb darauf an, neue gedankliche Erfahrungen zu vermitteln, damit sich die Synapsen anpassen können und die festgefahrenen Muster korrigieren lassen.

Wie die Mediation ein Verstehen ermöglicht

Kontext

Das Denken versucht die Komplexität zu bewältigen.10 Schon deshalb kann es kein isolierter Vorgang sein. Es stellt immer einen Bezug zur Umwelt her. Deshalb nimmt der Kontext, in dem das Denken stattfindet, stets eine wichtige Rolle ein. Er beeinflusst die Art und Weise wie wir denken. Das geschieht oft ganz unbewusst. Wenn wir uns beispielsweise in einer Konfrontation befinden, wird alles, was wir wahrnehmen, auf die konfrontative Situation bezogen und unter diesem Aspekt interpretiert. Deshalb ist es nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich, dass ein Kooperationsangebot innerhalb einer Konfrontation Misstrauen auslöst, wenn es einem überhaupt in den Sinn kommt. Das Denken wird durch die Konfrontation geprägt. Dieser Kontext legt es nahe, in dem Kooperationsangebot eine List zu erkennen. Das Angebot wird ignoriert.

Beispiel 11961 - Stellen Sie sich ein außerordentlich kämpferisches Schachspiel vor. Es geht ums Ganze. Plötzlich macht der Gegner den wohlgemeinten Vorschlag: "Setz doch die Dame mal auf C7". Was wird der Gegenspieler tun? Wird er das Kooperationsangebot annehmen? Wird er den Vorschlag als solches überhaupt erkennen können?


Wenn es der freundliche Schachspieler erreichen will, dass der Gegner kooperiert, muss er das Spiel ändern. Anders ausgedrückt, er muss den Kontext wechseln, aus dem heraus seine Handlung bewertet wird.

Einfluss der Strategien

Der Kontext wird auch biologisch und psychologisch vorgegeben. Das ist der unausweichlich natürliche Kontext, in dem unser Denken stattfindet. Unser Gehirn hat die Aufgabe, uns am Leben zu halten. Deshalb ist es für negative Nachrichten besonders empfänglich. Sie sind wichtiger als positive Nachrichten, weil sie eine Gefahr bedeuten können, vor der wir uns schützen müssen. Positive Nachrichten werden überhört. Beim Doomscrolling11 beispielsweise kann der exzessive Konsum negativer Nachrichten sogar zu einer Sucht werden. Der Fokus auf schlechte Nachrichten geht so weit, dass daraus ein grundlegend pessimistisches Weltbild herausbildet wird. Im schlimmsten Fall entsteht daraus eine Krankheit.12 Das pessimistische Weltbild wird zur Grundlage des weiteren Denkens.

Umgang mit personenbedingten Hindernissen

Der Fokus lenkt die Gedanken. Darüber sollten sich alle Beteiligten im Klaren sein. Wenn es der Kontext erwartet, an eine Lösung zu denken, geht der Nutzen aus dem Blick verloren. Wer daran denkt, wie der den Gegner überzeugen kann, konzentriert sich mehr auf die Gegenargumente als auf das Zuhören. Man sollte sich also stets bewusst darüber sein, in welchem Kontext das Denken stattfindet und auf welchen Fokus es gerichtet wird, um Grenzen zu erkennen und eine Orientierung zu finden. Die Mediation lenkt das Denken auf eine Metaebene, wo diese Kontrolle möglich ist. Man könnte sagen, dass der Mediator die personifizierte Metaebene ist, woraus sich die Anforderungen an seine Art des Denkens ableiten lassen.13

Über die Systemik der Mediation

Arten des Denkens

Die Mediation will eine sachliche Auseinandersetzung über Problemstellungen ermöglichen. Sachlich heißt nicht, dass Emotionen geleugnet werden. Durch die Technik des Verbalisierens werden sie auf die Sachebene gehoben und dadurch verhandelbar. Mithin spielt das Denken, auch das emotionale und intuitive Denken in der Mediation eine entscheidende Rolle. Der Mediator sollte wissen, wo welches Denken zum Tragen kommt und wie er das Denken zur Verwirklichung des Kognitionsprozesses einsetzen kann.

Das lineare Denken

Woran denken Sie, wenn Sie gefragt werden: "Wohin gehen Sie heute Mittag?". Sie denken an Mittag und was Sie vorhaben, richtig? Sie denken also linear nach vorne. Die meisten Menschen benutzen diese Art des Denkens. Das lineare Denken ist ein gradliniges Denken. Das Ziel (die Lösung) wird auf direktem Weg ohne Umscheife angestrebt. Das lineare Denken wird gegen das divergente Denken abgegrenzt. Das divergente Denken verführt zum Abschweifen. Es wird als Defizit wahrgenommen und von der Psychologie als ADD (Attention Deficit Disorder) bezeichnet, wenn es unkontrolliert erfolgt. Das Ziel wird gedanklich weiträumig umkreist. Alle Möglichkeiten der Annäherung werden geprüft, um den interessantesten Weg auszuwählen, der dann aber spontan zugunsten eines vermeintlich besseren geändert werden kann.14 Guilford, der sich mit dem kreative Denken auseinandergesetzt hat, grenzt das konvergente Denken (convergent thinking), das er mit dem zielgerichteten, logisch-rationalen Denken gleichsetzt vom divergenten Denken (divergent thinking) ab, das er ebenfalls als eine unsystematische Herangehensweise an Probleme beschreibt. Wegen der damit möglichen Perspektivwechsel sieht er im divergenten jedoch eine form der Kreativität.{FOOTNOTE()}Siehe Kreativität Psychologie - 2024-04-11

Das laterale Denken

Eine ähnlich positive Sicht auf das abschweifende Denken findet sich auch in dem von Edward de Bono eingeführten Begriff des lateralen Denkens wieder. Der Begriff leitet sich von dem lateinischen latus ab, das Seite bedeutet. Laterales Denken wird (weil von der Seite kommend) auch Querdenken genannt. Es hat aber nichts mehr mit der Bewegung der sogenannten Querdenker zu tun. Das laterale Denken ist eine Denkmethode, die im Rahmen der Anwendung von Kreativitätstechniken eingesetzt wird.15 Charakteristisch ist das Zulassen von subjektiven, assoziativ gesteuerten und selektiven Gedanken. Falsche Ergebnisse werden zunächst in Kauf genommen. Selbst nicht durchführbare Lösungen können zum Verständnis beitragen. Ja/Nein-Entscheidungen werden vermieden. Es wird gezielt nach der unwahrscheinlichsten Lösung gesucht wird. Ausgangssituation und Rahmenbedingungen werden nicht als unveränderlich hingenommen.16

Das Umdenken

Einstein sagte einmal, dass das Denken, das in ein Problem hineinführt, nicht aus dem Problem herausführen kann. Watzlawick unterstützt die Erkenntnis, wenn er nachweist, dass und warum das Problem stets Teil der Lösung ist. Das Umdenken isdt keine Art des Denkens, sondern eher eine Denkrichtung. Es führt die Gedanken aus dem Problem heraus und verschiebt den Fokus, sodass die Lösung in den Hintergrund tritt. Der Entscheidungsprozess wird, wenn man so will, rückwärts abgewickelt. Das Umdenken verwirklicht sich im mediativen Denken.

Das assoziative Denken

Denken Sie jetzt nicht an einen roten Elefanten! Woran haben sie gedacht? War es ein Tier, eine Farbe oder hat sie das Wort Denken inspiriert?
Zugleich mit der Aufforderung stellt sich eine Assoziation her. Welche Assoziationen das ist entscheidet ihr Unterbewusstsein. Sein Filter wird geprägt durch die situative Anforderung aber auch durch Ihre Erfahrung, Ihre Erziehung und nicht zuletzt durch ihre Persönlichkeit.Das assoziative Denken erlaubt einen Zugriff auf die Bedürfnisse und Interessen. Es drückt aus, was dem Menschen wichtig ist. Nehmen wir die Aufforderung an einen roten Elefanten zu denken als Beispiel. Ihre Assoziation wird sich daran ausrichten was ihnen wichtig ist. Sind Sie von Farben beeindruckt werden Sie sich vielleicht etwas blaues vorstellen. Sind Sie vom Tier beeindruckt, werden sie sich möglicherweise ein ganz anderes Tier vorstellen. Setzen Sie sich gerade mit dem Denken auseinander wird in möglicher Weise in den Sinn kommen: "Wieso denken?". Assoziationen spielen in der Phase drei eine wichtige Rolle. Sie zu verhindern in dem man die Gesprächszeit der Parteien verkürzt oder sie zwingt nur über bestimmte Dinge zu sprechen, bedeutet das die Assoziationen nicht aufgedeckt werden.

Das intuitve Denken

Intuitives Denken bezieht sich auf einen mentalen Prozess, bei dem Entscheidungen, Schlussfolgerungen oder Lösungen für Probleme auf der Grundlage von sofortigen Eindrücken, inneren Gefühlen oder implizitem Wissen getroffen werden. Es ist oft eine spontane, nichtlineare und nicht explizit begründete Form des Denkens, bei dem unbewusste kognitive Prozesse eine wichtige Rolle spielen. Menschen können intuitiv auf frühere Erfahrungen, Mustererkennung und persönliche Einschätzungen zurückgreifen, um schnelle Entscheidungen zu treffen oder komplexe Probleme zu lösen, auch wenn sie sich nicht bewusst sind, wie sie zu diesen Schlussfolgerungen gelangt sind. Intuitives Denken wird oft als Gegenstück zum analytischen Denken betrachtet.

Das analytische Denken

Das analytische Denken beschreibt einen kognitiven Prozess, der darauf abzielt, komplexe Probleme zu verstehen, indem sie in kleinere Teile zerlegt und systematisch untersucht werden. Es beinhaltet die Fähigkeit, Informationen zu sammeln, zu organisieren, zu bewerten und zu interpretieren, um zu logischen Schlussfolgerungen zu gelangen. Das analytische Denken bezieht sich auf Fakten. Es ist der Mediation nicht fremd und kommt dort auch zur Anwendung. Aber nicht ausschließlich und nur da, wo es hilfreich ist.

Analysen in der Mediation

Das logische Denken

Logisches Denken ist folgerichtiges Denken. Der Mensch kann logisch denken. Das ist keine Frage. Wie die Aufzählung der Denkfehler belegt, ist das logische Denken aber nicht unbedingt das naheliegende. Die Mathematik nutzt das logische Denken, um eine Aussage treffen zu können, ob die Behauptung 0=1 richtig oder falsch ist. Die Juristerei bedient sich ebenfalls des logischen Denkens, sodass auch sie zu dem Ergebnis kommt, ob eine Aussage richtig oder falsch ist. Sie führt die Entscheidung in eine Entweder-oder Logik, die andere Optionen ausschließt. Es gibt nur ein richtig oder falsch, wobei ausschließlich Fakten die Bewertungsgrundlage bilden. Der Widerspruch muss entschieden werden, damit er aufgelöst werden kann!

Das dialektische Denken

Die Dialektik geht anders mit Widersprüchen u,. Sie akzeptiert den Widerspruch. Ihre Denkweise kommt deshalb dem meditativen Denken nahe. Das Denken wird aus einem Entweder-oder in ein Sowohl-als-auch überführt. Der Widerspruch wird in These und Antithese übersetzt und in einer Synthese zusammengeführt. Das markante Konzept des dialektischen Denkens ist das These und Antithese der Synthese vorkommen. Der Widerspruch wird einbezogen, nicht entschieden.

Das heuristische Denken

Der Begriff Heuristik findet seine Wurzeln im Altgriechischen, wo er auf das Verb „heuriskein“ zurückzuführen ist, das so viel wie finden bedeutet. Er bildet den Gegensatz zum analytischen Denken und basiert aúf Erfahrungen, mit denen Informationslücken geschlossen werden. 17

Das positive Denken

Das positive Denken kann auch als eine mentale Einstellung verstanden werden, die positive Gedanken und Perspektiven herausstellt. Es geht darum, sich auf das Positive zu konzentrieren, anstatt sich von negativen Gedanken oder Hindernissen überwältigen zu lassen. Positives Denken beinhaltet die bewusste Entscheidung, eine optimistische und konstruktive Haltung einzunehmen, selbst in schwierigen oder herausfordernden Situationen.

Optimismus

Das kreative Denken

Das kreative Denken wird sogar in der PISA-Studie erwähnt. Dort wird es als die Kompetenz definiert, vielfältige, eigenständige, schöpferische und gestalterische Ideen zu produzieren, zu evaluieren und zu verbessern. In dieser Definition bezieht sich das kreative Denken auf effektive Lösungen realer Probleme, Fortschritte im Wissen und wirkungsvolle Ausdrucksformen der Vorstellungskraft sein.18 In der Mediation kommt dem kreativen Denken eine ganz besondere Rolle zu. Die Kreativität bildet den Höhepunkt der Mediation, wenn die Mediation zu Lösungen führen soll, die niemand für möglich hält. Das ktreative Denken kann unterschiedlich ausgeprägt sein und passt sich der Mediation an.

Kreativität als Höhepunkt der Mediation

Das kollektive Denken

Das Denken verändert sich in Kollektiven. Die sogenannte kollektive Intelligenz beschreibt das Phänomen, dass von Individuen in einem Kollektiv ein systemischer Effekt hervorgerufen wird, der ein intelligentes Verhalten der sozialen Gemeinschaft bedingt. Die Systemtheorie beschreibt, die näheren Zusammenhänge. Wie die sogenannte kollektive Intelligenz funktioniert und unser Denken beeinflusst, ist das Thema des Beitrages über die Schwarmintelligenz.

Schwarmintelligenz

Das mediative Denken

Das mediative Denken ist in der Lage, alle zuvor genannten Denkweisen zusammenzuführen. Diese Behauptung mag erstaunen, weil viele Denkweisen doch gar nicht kompatibel sind. Ich denke beispielsweise entweder logisch oder dialektisch. Die Mediation überwindet die Inkompatibilität, indem sie die Denkweisen sequenziell einsetzt. Es ist kein Problem wenn die Denkabschnitte zu verschiedenen Einsichten und Ergebnissen führt. Am Ende wird alles zu einem Bild zusammengeführt.19

Das mediative Denken ist anders, wie die Mediation. Es entwickelt den Entscheidungsprozess rückwärts ab und führt in ein paralleles Denken hinwein. Die Gedanken werden nich in das Problem, sondern hiter das Problem gelenkt, wobei auf dem gedanklichen Weg dorthin, alle Lösungshindernisse aus dem Weg geräumt werden.20

Sein Ziel ist das Verstehen. Verstehen bedeutet Klarheit und vollständige Information. Dementsprechend sorgfältig gestaltet sich das Denken. Es qualifiziert die Informationen, um sie dem Prozess oder Fall (Problem) korrekt zuordnen zu können. Die über die Dimensionierung zu erzielende Strukturiertheit erlaubt es, die gesamte Komplexität der Fragestellung im Blick zu haben und Widersprüche im parallelen Denken aufzulösen, das auf Konsens nicht auf Macht (Mehrheiten) aufsetzt. Das meditative Denken will jeden unserer Schritte rational nach seinem Nutzen abwägen. Es ist ein suchendes Denken auf der Metaebene, das nicht lösungs- sondern ein nutzenorientiert ausgerichtet ist. Der Nutzen ergibt die Kriterien für die zu findende Lösung.

Das mediative Denken 

Ausrichtung des Denkens

Im Streit neigen die Parteien zum konträren Denken. Die Mediation ermöglicht ein paralleles Denken. Sie denkt weder für noch gegen die Medianden. Trotzdem gibt sie eine Denkrichtung vor.

Denken im Kopf des Anderen

Besonders im Konflikt neigen die Parteien dazu, die Gedanken ihres Gegenübers zu antezipieren. Sie wissen genau was der gegener denkt und was zu befürchten ist, selbst wenn er das bestreitet. Sie denken mehr in seinem Kopf als im eigenen. Der Mediator sollte dies bemerken und korrigieren. Er sollte auf keinen Fall in einem der Köpfe der Parteien denken, sondern doie Parteien vielmehr dazu anhalten,. selbst zu denken.

Denken für die Partei

Natürlich könnte ein Berater sagen: „Das musst Du so machen!“. Was aber wenn das „so“ auf heftigsten Widerstand stößt und im Zweifel eher bewirkt, dass die Partei den Berater wechselt? Geht er vor wie ein Berater, kommt er wahrscheinlich schnell zu dem gleichen Ergebnis wie die Partei. Er weiß es nur besser umzusetzen. Die Partei schüttet ihr Herz aus und sagt wie viel Unrecht ihr widerfahren sei. Der Berater versteht das (indem er Bewertungen übernimmt) und erwidert: „Das dürfen Sie sich auch nicht gefallen lassen. Da müssen wir etwas gegen unternehmen!“. Er denkt jetzt für die Partei.

 Merke:
Leitsatz 3231 - Dem Mediator ist es verwehrt, für die Partei zu denken. Denn für die Partei denken heißt, ihre Position zu übernehmen und von ihrem Standpunkt aus zu denken. Es ist das Denken im Widerspruch und in Gegnerschaft, wenn der Gegner den Widerspruch abbildet.

Denken mit der Partei

Ein Mediator wird der Partei nicht sagen, was sie wie zu tun hat. Ganz im Sinne der Mediation und in ihrer Zielsetzung wird er überlegen, wo und wie die Partei selbst dahinter kommen könnte. Er wird in Gesprächen darauf achten, dass sie die dazu führenden Anhaltspunkte nicht übersieht. Die Besonderheit ist dabei, dass er nicht im Kopf der Partei denkt. Er denkt nicht für sie und auch nicht gegen sie oder den Gegner. Er denkt mit ihr und mit dem Gegner.

 Merke:
Leitsatz 3232 - Der Mediator denkt MIT den Parteien, NICHT für oder gegen sie und keinesfalls in deren Köpfen.

Das ist eine wichtige Herausforderung, die von dem Mediator verlangt, dass er die feinen Grenzen des „Denkens im eigenen Kopf“ verinnerlicht hat und es den Parteien zugesteht, einen „eigenen Kopf“ zu haben. Mit der Partei zu denken setzt ein Verstehen voraus und ein in die Partei einfühlen. Es übernimmt keine Standpunkte sondern hinterfragt sie, damit sie nachvollzogen werden können. Um diesen Effekt zu erreichen, stellt der Mediator sich als Metaebene zur Verfügung.

Die Bedeutung der Metaebene

Denken mit allen Parteien

Damit der Mediator mit beiden (allen) Parteien denken kann, darf sich nicht auf den Widerspruch einlassen, sondern muss ihn von außen betrachten. Die Metaebene macht dies möglich, weil sie wertfrei ist und dem Mediator eine Position außerhalb des Streitsystems zubilligt. Aus dieser Position heraus wird der Mediator gehindert, im Widerspruch zur Gegenseite zu denken. Weil er mit beiden (allen) Parteien denken muss, basiert sein Denken nicht auf den Widersprüchen, sondern auf den Gemeinsamkeiten.

 Merke:
Leitsatz 3233 - Mediatives Denken basiert nicht auf dem Widerspruch sondern auf der Gemeinsamkeit

Kollektives Denken

Einen methodischen Zugang liefern die Erkenntnisse der Schwarmintelligenz (kollektives Denken). Schwarmintelligenz ist vernetzte Intelligenz. Sie entwickelt sich eher aus einer bottom up als aus einer top down Logik.

Beispiel 11585 - Die Aufgabenstellung lautet dann nicht: Um das Ziel zu erreichen muss ich A, B und C durchführen, sondern: Welches Ziel erreiche ich, wenn A, B und C zusammenkommen? Die unterschiedliche Fragestellung hat Auswirkungen auf das Denken. In der Terminologie der Logik wird sie nach deduktivem und induktivem Denken unterschieden.

Herleitungen im Denken

Mit den Begriffen bottom up und top down werden Ausrichtungen des Denkens beschrieben, die zu Schlussfolgerungen führen sollen. In der Philosophie und der Logik werden die Deduktion, die Induktion und die Abduktion unterschieden.

Deduktion

Deduktion bedeutet Ableitung oder Herleitung. Sie wird auch als logisches Schließen bezeichnet. Die Schlussfolgerung ist die logische Konsequenz (Wirkung) aus einer logischen Regel und einer gegebenen Bedingung. Aus mindestens 2 Aussagen wird eine neue Aussage abgeleitet. Es können wahre (oder auch zwingende) Schlüsse gezogen werden. Neue Erkenntnisse lassen sich aber nicht gewinnen.

Beispiel 11587 - Logische Regel = Mediator sind Menschen. Gegebene Bedingung = Ich bin Mediator. Schlussfolgerung (Konsequenz) = Also bin ich ein Mensch. Anderes Beispiel: Logische Regel = Aspirin hilft gegen Kopfschmerzen. Gegebene Bedingung = Ich nehme Aspirin. Schlussfolgerung (Konsequenz) = Also habe ich Kopfscherzen.

Induktion

Induktion bedeutet Herbeiführung oder Veranlassung. Sie wird auch als verallgemeinerndes Denken bezeichnet. Unter ihr versteht man die Ableitung einer allgemeinen Regel durch eine oder mehrere Bedingungen. Da aus Einzelfällen abgeleitet wird ist die Schlussfolgerung möglicherweise nicht wahr, allerdings können neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Beispiel 11586 - Konsequenz Ich bin ein Mediator. Ich bin ein Mensch ist die Bedingung dafür. Alle Menschen sind Mediatoren wäre eine interessante Folgerung aber nicht unbedingt eine wahre. Aber inspirierend.


In der Mediation kommt es nicht auf richtig und falsch, logisch oder verallgemeindernd, sondern auf nutzensitftend und machbar an. Es macht also Sinn wie bei der Schwarmintelligenz Die Lösung wird nicht deduktiv vom Ziel zurück, sondern induktiv von einem Ausgangspunkt zum Ziel hin zu entwickeln. Das erfolgt in einer Art und Weise, dass die eingebrachten Informationen ausgewertet und zugeordnet werden. Die Zuordnung erfolgt im Kollektiv worüber im Konsens entscheiden wird (Windows 2 in Phase 3; Bewertung in Phase 4).

Wie bei einem Schwarm wird die Ausrichtung des Denkens nicht etwa durch den Führer vorgegeben. Sie erfolgt bottom up durch die Vernetzung der unterschiedlichen Auffassungen. Wie bei einem Schwarm werden die Extrempositionen nicht ausgeschlossen. Sie bilden stattdessen das Korrektiv. Es macht bei diesem Denkmodell keinen Sinn im Kopf des anderen zu denken. Wohl aber Informationen zu sammeln, um sie in eine Beziehung zu setzen und Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, die später auf ihre „Wahrheit“ überprüft werden können.

Abduktion

Die Abduktion íst eine Stufe der aus Abduktion, Deduktion und Induktion gebildeten Erkenntnislogik. Sie dient der Hypothesenfindung und baut auf Erfahrungen auf. Auf die Mediation übertragen, wäre sie der gedanklic he Weg in die neue Lösung.

Lösungshindernisse

Die Mediation soll es den Parteien ermöglichen, selbst die Lösung zu finden. Also ist es ihre Aufgabe und mithin die des Mediators, den Parteien dabei behilflich zu sein. Um diese Aufgabe zu erfüllen, muss er wissen, was die Parteien daran hindert.21 Wenn er die Hindernisse kennt, kann er sie aus dem Weg räumen. Die Hindernisse, die sich dem Denken auf dem Weg in eine Konflikllösung in den Weg stellen, lassen sich wie folgt zusammenfassen:22


Wie die Mediation Hindernisse aus dem Weg räumt

Bedeutung für die Mediation

Eine zentrale Aufgabe des Mediators oder der Mediatorin besteht also darin, Denkhindernisse aus dem Weg zu räumen und den Gedankengang der Mediation zu ermöglichen.23 Wenn und weil die Mediation ein verstehensorientiertes Verfahren ist, spielt der Verstand und damit das Denken eine entscheidende Rolle. Die Mediation ist ein anderes Denken!24 Die Mediation unterstützt den komplexen Denkvorgang, indem ihre Phasenlogik das Denken der Parteien partialisiert. So kann die Mediation verschiedene Arten des Denkens vereinnahmen. Selbst nicht kompatible Denkweisen können zusammengeführt werden, indem sie einer sequenziellen Logik folgen. Jede Phase wird mit einem ihr eigenen Denkvorgang verknüpft. So wird die Logik beispielsweise in der 2.Phase in eine Dialektik überführt. Das logisch juristische Denken wechselt mit dem assoziativ psychologischen Denken in der 3.Phase ab. Die Mediation beschreibt einen in sich stimmigen Gedankengang, der die Gedanken der Parteien in eine Späre führt, wo Lösungen zu finden sind.

Der Gedankengang der Mediation

Der mediative Gedankengang ist uns nicht fremd, aber ungewohnt. Das lineare Denken wird unterbrochen. Die Phasenlogik führt zu einer bewussten Partialisierung des Gedankenganges, wo das Denken an Motive strikt vom Denken an Lösungen abgetrennt wird. Die Trennung erlaubt eine Erweiterung der Wahrnehmung. Das reflexive Denken wechselt in der 4.Phase kurzfristig in ein kreatives Denken, um weitere Lösungsoptionen zu erkennen. Erst danach wird das Denken in ein bewertendes und später in ein subsummierendes Denken überführt.

Das Denken in der Mediation kann auch die Komplexität bewältigen. Dazu trägt die vorgegebene Struktur der Mediation bei. Das Dimensionieren trägt nicht nur dazu bei, die Gedanken zu ordnen, sondern auch dazu, dass sie miteinander verglichen werden können.

Was tun wenn ...

Hinweise und Fußnoten
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Bearbeitungsstand: 2024-04-14 16:35 / Version 156.

Alias: logisches Denken, dialektisches Denken, assoziatives Denken, Denkfehler
Siehe auch: Kognitionsprozess, Phasenlogik, Loopen, Gedankengang, Denkfehler, Denkfehler-Wahrnehmungsfehler, Bias-Faktoren, Denkhindernisse
Included: Verzeichnis der Denk- und Wahrnehmungsfehler
Prüfvermerk:

1 Die Aufgabe wird im Aufgabenverzeichnis erfasst als Denkhindernisse aus dem Weg räumen (Relevanz: erforderlich)
3 Siehe Beck (Die Logik des Irrtums) - 2022-04-23
4 Was ein Mediator als Gestalter eines nutzerorientierten Verfahrens allerdings sollte
5 Siehe unten und Lösungshindernisse
7 Siehe die Ausführungen über das Gehirn
8 BR(Was ist ein Gedanke) - 2022-04-23
11 Internetgestützte Überflutung mit negativen Nachrichten
13 Siehe Haltung
14 Menges (2005) - Kein Wert für 'tracker_field_literaturverzeichnisDownloaddatum'
15 Siehe auch Kreativität
17 Siehe ausführlich dazu Gigerenzer, Gaissmaier (Kognitive Heuristiken) - 2022-09-17
18 PISA (kreatives Denken) - 2022-04-25 Siehe auch Kreativität
20 Achtung! Diese Beschreibung passt nicht zu jedem Mediationskonzept. Es basiert auf der kognitiven Mediationstheorie
21 Die Aufgabe wird im Aufgabenverzeichnis erfasst als Denkhindernisse aus dem Weg räumen (Relevanz: erforderlich)


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Seite zuletzt geändert am Freitag April 19, 2024 09:57:22 CEST.

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