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Der Umgang mit der Schuldfrage

Wissensmanagement » Diese Seite ist der Kategorie Konfliktphänomenologie des Archivs in der Wiki-Abteilung Wissen zugeordnet. Eine logische Verknüpfung erfolgt mit der Rubrik Konflikt, also dem 6. Buchabschnitt des Fachbuchs Mediation und den Konfliktphänomenen. Bitte beachten Sie auch:

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Die Schuldfrage scheint eine der ersten und wohl die wichtigste Frage zu sein, die bei der Konfliktklärung aufkommt. Unglücklicherweise geht sie oft am Problem vorbei und steht der Lösung sogar im Wege.

Wer hat Schuld?

Was glauben Sie: Wer ist Schuld wenn das Streitsystem die Perspektive vorgibt?

 Streitsystem mit Gegneransicht

Ja genau, immer der andere. Das ist naheliegend, wenn Sie sich die nebenstehende Grafik vor Augen halten. Die Partrei sieht den Gegner. Er steht in ihrem Blickfeld. Alle unsere Sinnesorgane sind auf Außenwahrnehmung gerichtet.1 Schon deshalb ist es naheliegend, den Gegner verantwortlich zu machen. Man sieht sich doch selbst gar nicht. Leider ist das Naheliegende nicht immer das Richtige.

Phänome der Schuldzuweisung

Es ist gar nicht notwendig, nach großen Problemen zu suchen, um das Phänomen zu beschreiben. Es beginnt im Alltag und kommt auch häufig in der Mediation vor. Die folgenden Beispiele sollen die Relevanz der Frage verdeutlichen:

Beispiel 11922 - Die Medianden geraten in Streit. Plötzlich geht es um die Frage, wer angefangen hat. "Du hast doch damit angefangen!". "Nein! Das musst Du gerade sagen, Du fängst doch immer an!", usw. Die Vorwürfe werden immer heftiger und ziehen immer größere Kreise. Der Mediator fragt: "Was hilft es Ihnen, wenn Sie diese Frage geklärt haben?". Die Parteien antworten übereinstimmend: "Gar nichts!".


Markant ist z.B. wenn die Parteien im Streit darüber zanken, wer angefangen hat. Die Interpunktion der Kommunikation sorgt dafür, dass bei diesem Streit jeder Recht bekommt, weil jeder denkt, nur auf den anderen zu reagieren. Ein ähnliches Phänemen zeigt sich bei Familienmediationen:

Beispiel 11923 - Es geht um die Scheidungsfolgen. Aus der Sicht der Ehefrau hat der Mann die Trennung wegen einer jüngeren Geliebten herbeigeführt. Der Mann sieht das ganz anders. Offen wird nicht über die Schuldfrage gesprochen. "Ja natürlich haben wir beide unseren Anteil an der Trennung, aber ...".


Die Schuldfrage ist relevant, weil sie dem Gegner eine größere Verantwortung bei der Schadensbeseitigung einräumt. Das ist zwar unangenehm aber auch sehr komfortabel. Ob es hilft, ist eine andere Frage. Dazu ein Beispiel aus der Politik:

Beispiel 11924 - Die Schlagzeile in der Zeitung lautet: "Wer hat Schuld an der Flut?". Eine andere Schlagzeile hinterfragt: "Trägt China die Schuld an Corona?". Die Schlagzeilen lenken von der eigentlichen Frage ab: "Wie lösen wir das Problem?".


Es ist zu bezweifeln, dass derartige Fragen helfen, die Krise zu überwinden. Trotzdem steht die Schuldfrage immer ganz vorne. Sie lenkt den Blick in die Vergangenheit, nicht in die Zukunft.

Begriffliche Abgrenzungen zur Schuld

Das Wort Schuld wird oft ungenau verwendet, was bei der Bewältigung zu Schwierigkeiten führt. Besonders häufig kommt es zu Verwechselungen mit der Verantwortung. Die Konzepte von Schuld und Verantwortung sind eng miteinander verbunden. Trotzdem unterscheiden sie sich in ihren Bedeutungen und Implikationen. Es ist wichtig, zwischen diesen Begriffen zu unterscheiden, um ein tieferes Verständnis für moralische und ethische Fragestellungen zu entwickeln.

  1. Schuld: Die Schuld bezieht sich auf eine Einschätzung, dass jemand für einen Verstoß gegen eine durch sittliche, ethisch-moralische oder gesetzliche Wertvorstellung gesetzte Norm verantwortlich ist. Die Schuldfrage bezieht sich meist auf eine retrospektivische Betrachtung einer verganenen Handlung oder Unterlassung. Die Schuldfrage geht mit einer Pflichtverletzung einher.
  2. Schuldgefühl: Das Schuldgefühl beschreibt die gefühlte Einschätzung, etwas falsches gemacht zu haben, was was man hätte vermeiden oder verhindern können. Die subjektive Sicht kann von der objektiven Bewertung abweichen.
  3. Verantwortung: Die Verantwortung bezieht sich auf die meist prospektivische Einschätzung einer Pflicht, für die Konsequenzen des Handelns einzustehen und die Auswirkungen zu tragen. Die Verantwortung geht mit einer Pflichterwartung einher.
  4. Verpflichtung: Die Manifestation und die Einforderung einer rechtlich (oder moralisch) gebotenen Handlung oder Unteralassung.
  5. Vorwurf: Ein Vorwurf bezieht sich auf die Behauptung, eine bestimmte Handlung oder Unterlassung begangen zu haben, die als falsch oder unangemessen betrachtet wird. Ein Vorwurf kann explizit oder implizit sein und kann von anderen Personen oder sogar von der betroffenen Person selbst erhoben werden.

Manifestation der Schuld

Schuld kann sowohl auf individueller, auf rechtlicher und auf gesellschaftlicher Ebene impliziert sein. Die mit dem Schuldvorwurf und den mit der Schuld einhergehenden Schuldgefühle sind im Gegensatz zur Verantwortlichkeit nicht immer rational zu begründen. Der emotionale Zugang zur Verantwortlichkeit kann in vielen Fällen genutzt werden, um Verantwortung zu übernehmen oder zu übertragen. Schuld kann sich in verschiedenen Formen manifestieren:

  1. Fehlverhalten: Schuld kann sich aus individuellem Fehlverhalten heraus manifestieren, sei es durch direkte Handlungen oder Unterlassungen, die zu negativen Konsequenzen führen.
  2. Verletzung von moralischen Prinzipien: Wenn man gegen seine eigenen moralischen oder ethischen Überzeugungen handelt, kann dies ein starkes Gefühl der Schuld hervorrufen.
  3. Beziehungskonflikte: In zwischenmenschlichen Beziehungen kann es häufig zu Verletzungen kommen, die Schuldgefühle auslösen, sei es durch mangelnde Unterstützung, Verrat oder Verletzungen der Vertrauensbasis.
  4. Ungerechtigkeit und Versagen: Selbst in Fällen, in denen man nicht direkt für ein negatives Ereignis verantwortlich ist, können Schuldgefühle aufgrund von Versagen oder Ungerechtigkeit auftreten, insbesondere wenn man das Gefühl hat, dass man hätte helfen oder eingreifen können.

Die Schuldfrage in der Psychologie

Um dem Phänomen Schuld auf den Grund zu gehen, helfen die Ausführungen von Ziemer zur psychologischen Einordnung.2 Er stellt heraus, dass die Schuld nur selten ein Thema der Psychologie ist. Den Grund führt er darauf zurück, dass es der Psychologie um genaue Beobachtung und Wahrnehmung menschlichen Verhaltens, um Emotionen und Motivationen von Individuen und Gruppen gehe und nicht um die moralische Bewertung. Das Schuldthema sei deshalb eher in die Zuständigkeit von Philosophie, Jurisprudenz und Ethik zu verweisen. Womit sich die Psychologie jedoch beschäftigt, sind die Schuldgefühle.

Freud beschreibt die Schuldgefühle als Reaktionen auf die "Forderungen einer mächtigen Instanz unseres seelischen Apparats", womit das Gewissen und die im Laufe der Sozialisation verinnerlichten und tradierten Normen und Moralvorstellungen gemeint sind. Deren tatsächliche Herkunft bleibt oft unbewusst. Ihre Wirkung kann quälend sein und zur Depression führen. Die Übergänge zur neurotischer Symptomatik sind fließend. Die psychologischen Erkenntnisse belegen, dass eine weitere Differenzierung zwischen der Schuld und den Schuldgefühlen erforderlich ist.

Die Schuldfrage in der Juris Prudenz

Auch im Recht spielt die Schuld eine wichtige Rolle. Besonders im Strafrecht. Dort gilt der Grundsatz nulla poena sine culpa, also keine Strafe ohne Schuld. Damit wird die Schuldfrage nicht nur mit der Rechtsverletzung, sondern auch mit der Frage der Vorwerfbarkeit verknüpft. Das Recht stellt auf die Unrechtseinsicht ab. Nach § 17 StGB handelt ohne Schuld, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen einer sonstigen schweren seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.

Im Zivilrecht hat die Schuld wieder eine andere Bedeutung. Hier bezeichnet die Schuld in erster Linie eine rechtliche Verpflichtung zur Erbringung einer Leistung. Die Verpflichtungen werden im Schuldrecht geregelt.3

Im Familienrecht hat der Gesetzgeber versucht, die Schuldfrage am Scheitern der Ehe zu umgehen. Dort wurde das Zerrüttungsprinzip eingeführt, das nur noch prüft ob die Wiederherstellung der Ehe eine Chance hat. Es arbeitete mit sogenannten unwiderlegbaren Vermutungen, sodass es wenig Sinn macht auf die Schuldragen einzugehen.

Die Schuldfrage in der Beziehung

Die Frage nach Schuld und Verursachung kommt häufig in Beziehungskonflikten vor. Die einsichtsvolle Aussage, dass beide Seiten Schuld am Scheitern der Beziehung tragen, ist oft ein Lippenbekenntnis. Oft wird die Frage nach den Gründen für das Scheitern gestellt, weil sich eine Seite nicht schuldig fühlen will. Dann geht es nicht wirklich um die Frage der Schuld, sondern der Verursachung. Die Schuldfrage kommt auf, wenn die Trennung als verletzlich angesehen wird. Die Verletzung muss sich nicht einmal auf die Tatsache der Trennung an und für sich beziehen. Sie kann sich auch auf die Frage nach der Art und Weise der Trennung beschränken.

Der Schuldvorwurf im Konflikt

Die Schuld ist ein guter Motivator, wenn es darum geht, ein Verhalten einzufordern. Er muss nicht immer vom Gegner erhoben werden. Auch Selbstvorwürfe und das Bedürfnis nach Schuldbefreiung zeigen ihre Wirkung.

Beispiel 16166 - Der Ehemann fühlt sich schuldig für die Trennung der Eheleute. Zumindest nach außen gesteht er seine Schuld nicht ein. In den Verhandlungen meint er, sich durch Großzügigkeit bei finanziellen Fragen seiner Frau gegenüber von der Schuld befreien zu können. Er macht deshalb übertrieben großzügige Angebote. Es ist ein gefährliches Unterfangen, wenn die Aufrechnung von der Ehefrau nicht gesehen wird und wenn man bedenkt, dass sich die Schuldgefühle irgendwann so oder so legen werden. Die vermeintliche Undankbarkeit der Frau kann sogar dazu führen, dass das Schuldgefühl umschwappt und plötzlich in eine moralische Rechtfertigung für das folgende Verhalten des Ehemannes wird, wenn er sich plötzlich restriktiv verhält.

Beispiel 16167 - Im Film Magic of Mediation wird deutlich, dass es dem Ehemann darum geht, sich von seinen (bis dato unausgesprochenen) Schuldgefühlen zu befreien. Er hatte diese Gefühle verdrängt. Erst nachdem sie eingestanden werden konnten, hat sich der Knoten des Falles gelöst.


Die Beispiele belegen, welche Wirkung Schuldgefühle haben können. Sie belegen auch, wie wichtig es ist, die Schuldgefühle anzusprechen und gegebenenfalls von der Schuldfrage und der Frage der Verantwortung und der Verpflichtung zu trennen. Das wird oft vermieden. Besonders dann, wenn das Eingeständnis der Schuld rechtliche Konsequenzen nach sich zieht, weil es mit der Verantwortlichkeit verwechselt wird. Der Schuldvorwurf will etwas bewirken. Was er gegebenenfalls bezwecken soll, bedarf der Prüfung im Einzelfall.

Wie lässt sich die Schuldfrage klären?

Die Frage, ob jemand Schuld trägt oder nicht, ist oft komplex und kann nicht immer eindeutig beantwortet werden. Es gibt jedoch einige Schritte und Überlegungen, die dabei helfen können, die Frage der Schuld zu klären:

Fakten sammeln
Bevor man entscheiden kann, ob jemand Schuld trägt, ist es wichtig, alle relevanten Fakten und Informationen über die Situation zu sammeln. Dies kann das Verständnis der Ereignisse, der Umstände, unter denen sie stattgefunden haben, sowie der Handlungen und Entscheidungen aller beteiligten Parteien umfassen.
Prüfung der Handlung
Es ist wichtig zu überprüfen, ob die Handlung oder Entscheidung, für die Schuld vermutet wird, tatsächlich gegen geltende Normen, Regeln oder Gesetze verstoßen hat. Man sollte auch die Absicht hinter der Handlung oder Entscheidung berücksichtigen, da dies einen Unterschied machen kann.
Beurteilung der Verantwortlichkeit
Es ist wichtig zu untersuchen, ob die Person, von der vermutet wird, dass sie Schuld trägt, tatsächlich die Verantwortung für die Handlung oder Entscheidung trägt. Dies umfasst die Prüfung, ob die Person die Handlung absichtlich ausgeführt hat, ob sie die Konsequenzen ihrer Handlung hätte erkennen können und ob sie die Möglichkeit hatte, anders zu handeln.
Berücksichtigung von Umständen und Kontext
Es ist wichtig, den Kontext und die Umstände zu berücksichtigen, unter denen die Handlung oder Entscheidung stattgefunden hat. Man sollte berücksichtigen, ob die Person unter Druck stand, ob es sich um eine Notlage handelte oder ob es andere Faktoren gab, die ihr Handeln beeinflusst haben könnten.
Einbeziehung von Perspektiven und Meinungen
Es ist hilfreich, die Perspektiven und Meinungen aller beteiligten Parteien zu berücksichtigen, um ein umfassendes Bild der Situation zu erhalten. Dies kann dazu beitragen, eventuelle Missverständnisse oder unterschiedliche Wahrnehmungen zu klären und zu einer gerechten Beurteilung beizutragen.
Ethische Überlegungen
Schließlich ist es wichtig, ethische Überlegungen anzustellen und zu berücksichtigen, welche Werte und Prinzipien in der jeweiligen Situation relevant sind. Man sollte darüber nachdenken, welche Handlung oder Entscheidung im Einklang mit diesen Werten steht und welche möglicherweise gegen sie verstößt.

Muss die Frage geklärt werden?

Das hängt davon ab, worum es geht und was mit der Schuldfrage verbunden wird. Jenseits der juristischen Fragen, steht die Beziehung zwischen Täter und Opfer im Vordergrund. Es geht um die Übernahme von Verantwortung und Anteilnahme. Der Fehltritt ist oft weniger das Problem als die Art und Weise, wie damit umgegangen wird. Es macht deshalb Sinn, sich der Schuldfrage über die Klärung der Beziehung nach den Regeln zur Bearbeitung eines Beziehungskonfliktes zu nähern. Unausgesprochene Entschuldigungen können eine Beziehung zwischen Menschen nachhaltig schädigen.4

Wie lässt sich die Schuld auflösen?

Es gibt viele Wege, sich von der Schuld loszusagen. Im Zivilrecht erfolgt die Schuldbefreiung auf der Täterseite durch Leistung des geschuldeten Gegenstandes oder durch Erbringung der geschuldeten Leistung. Auf der Pferseite durch Verzicht. Im Strafrecht erfolgt die Schuldbefreiung durch Bestrafung. In der Religion durch Sühne. Im Zwischenmenschlichen erfolgt die Schuldbefreiung durch auf der Täterseite durch Wiedergutmachung und Entschuldigung. Auf der Opferseite durch Annahme und Vergebung. Eine ernst gemeinte Entschuldigung kann viele Tausend Euro wert sein, so wie die Vergebung von einer Last befreit.

Über Entschuldigung und Vergebung

Bedeutung für die Mediation

Schuld führt stets in eine rerospektivische Betrachtung eines Geschehens hinein. Schon deshalb kann die Schuldfrage kein (eigenständiges) Thema der Mediation sein. Die Mediation gestaltet die Zukunft. In dem Zusammenhang ist nicht die Schuld, sondern die Neugestaltung der Beziehung oder die Frage nach dem Schadensausgleich das zu besprechende Thema. Es wird in der Phase zwei dementsprechend festgeschrieben. Die Schuldfrage wird mit dieser Themenfestlegung jedoch nicht ausgeschlossen. Sie kommt nur in einem anderen Zusammenhang zur Geltung. Das ist spätestens dann der Fall, wenn die ungeklärte Schuldfrage dem wechselseitigen Verstehen im Wege steht. Jetzt kann es erforderlich werden, die Schuldfrage inzidenter in der Phase drei anzusprechen, um den gedanklichen Weg in die Lösung zu bereiten. Die Frage kommt besonders bei Beziehungskonflikten auf, wo es darum geht, eine einheitliche Sicht auf die Beziehung herzustellen. Wenn die Schuldfrage auf eine Schadensverursachung zu beziehen ist und den Schadensausgleich betrifft, kommt sie gegebenenfalls in der Phase vier zur Sprache, sofern die Kasusalität der Schadensverursachung dann noch relevant ist.

Was tun wenn ...

Hinweise und Fußnoten
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Bearbeitungsstand: 2024-04-17 07:38 / Version .

Die Seite wird im Verfahrenshindernis erfasst.
Siehe auch: Herausforderung, Konflikthindernis, Wer hat Schuld?
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